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Auf den Kern gebracht #2: Agilität

Agilität führt unsere Liste der Top-Trendwörter in der Wirtschaft momentan an. So gut wie jede Firma ist bereits agil oder will es auf dem schnellsten Weg werden. Am besten mit einem „Lean-Projektmanagement“ und flexibel wie Start-up-Unternehmen. Aber was steckt hinter der so oft erwähnten Agilität? Was ist dieses SCRUM? Ist Agilität wirklich DIE Lösung eines jeden Problems? Diesen Fragen wollen wir im zweiten Teil von „Auf den Kern gebracht“ beantworten.

Agilität – die Grundlagen

Agilität ist keine neue Erfindung

Das Konzept Agilität entstand bereits 1940 beim Autohersteller Toyota. Ab den 1990er Jahren wurde es zunehmend im Silikon Valley verwendet. Um das Konzept dahinter zu verstehen, werfen wir am besten einen Blick auf die frühen Grundlagen. Agilität war zu Beginn eine Form des Projektmanagements in IT-Abteilungen. Das Erkennungsmerkmal: Flexibilität. Es wurden nicht mehr wie im klassischen Projektmanagement starre Pläne verfolgt, sondern sich ständig ändernde Anforderungen waren nicht nur geduldet, sie waren sogar gewünscht. Teams bestanden aus bis zu zehn Personen, in denen verschiedene Experten nahe mit dem Kunden zusammenarbeiteten. Die agile Arbeitsweise hat sich über die darauffolgenden Jahre auf ganze Organisationen und verschiedenste Branchen ausgeweitet.

Agilität & Flexibilität

Schlüpfen wir am besten in die Haut einer IT-Expertin. Stellen Sie sich vor, Sie entwerfen für eine Kundin eine Software. Im klassischen Vorgehen schildert die Kundin zu Beginn ihre Wünsche, und im Projektplan werden die Anforderungen an das Produkt, die Kosten und der Termin festgelegt. Danach folgen Sie diesem Plan und erstellen die Software. Am Ende des Projekts zeigen Sie der Kundin zufrieden ihr fertiges Produkt – es stellt sich aber heraus: Sie hatte ganz andere Wünsche, und die von ihnen erstellte Software entspricht diesen ganz und gar nicht. Zudem hat sich ihr Aufgabenfeld verändert und sie bräuchte ganz andere Funktionen. Ein klassischer Fall von ich sage A, B, C und das Gegenüber versteht X, Y, Z. Im agilen Projektmanagement beziehen Sie ihre Kundin nicht nur zu Beginn in die Planung mit ein, sondern stellen während der Umsetzung der Kundin immer wieder Zwischenergebnisse vor. So merken beide Seiten, ob sie in die gleiche Richtung denken und neue Anforderungen, die bei der Kundin entstehen, können in die Softwareentwicklung miteinfließen. Sie sehen schon: Damit werden Sie in Ihrer Entwicklung viel flexibler.

Die VUCA-Welt

Warum aber müssen wir immer flexibler werden? In der agilen Argumentation wird von der VUCA-Welt gesprochen. V = volatility = unbeständig, U = uncertainty = unsicher, C= complexity = komplex und A = ambigiuty = mehrdeutig. Für Sie als IT-Expertin heißt das, die Anforderungen an ihre Software sind sehr unbeständig. Was die Kundin heute wünscht, kann morgen schon wieder irrelevant sein. Außerdem sind Sie mit einer ständigen Unsicherheit konfrontiert. Sie fragen sich: „Erfüllt das, was ich entwickle auch wirklich die Anforderungen?“ Zudem wird durch die Digitalisierung Ihr Arbeitsbereich immer komplexer. Ihr Programm muss beispielsweise auf verschiedenen Systemen einwandfrei funktionieren. Dazu kommt noch eine fehlende Bewertungssicherheit Ihrer Leistung. Was heute noch top und am Puls der Zeit ist, ist morgen vielleicht schon wieder veraltet. Die agile Arbeitsweise wird als Antwort auf unsere VUCA-Welt gesehen.

Agilität – die Anwendung

Agilität und sein Manifest

Alles in allem kann man Agilität als eine feste Einstellung (im Englischen oft „mindset“ genannt) bezeichnen. Sie basiert auf festen Werten, die im „Agilen Manifest“, erstmals entstanden im Jahr 2001, beschrieben werden. Es unterteilt sich in vier grundsätzliche Werte:

  1. Individuen und Interaktionen haben Vorrang vor Prozessen und Werkzeugen
  2. Funktionsfähige Produkte haben Vorrang vor ausgedehnter Dokumentation
  3. Zusammenarbeit mit dem Kunden ist wichtiger als Vertragsverhandlung
  4. Eingehen auf Änderung ist wichtiger als strikte Planverfolgung

Für Sie als Softwareentwicklerin und Ihr Team heißt das, dass in erster Linie das Zwischenmenschliche geklärt wird. Gibt es Konflikte oder Unstimmigkeiten, werden diese erst bereinigt, dann folgen die Prozesse. Ihre Hauptaufgabe ist die Entwicklung einer Software, die auch wirklich funktioniert – und nicht ständige bürokratische Aufgaben, in denen Sie jeden einzelnen Schritt festhalten müssen. Außerdem konzentrieren Sie sich bei den Gesprächen mit der Kundin nicht darauf, einen möglichst hohen Preis für möglichst wenig Arbeit zu verlangen. Nein, Sie hören der Kundin zu, beziehen sie mit ein und erstellen eine Software, die ihren Wünschen wirklich entspricht. Wenn die Kundin aufgrund veränderter Umstände plötzlich andere Funktionen in ihrer Software wünscht, reagieren Sie als Entwicklerin nicht genervt, sagen nicht, das sei unmöglich, und schlagen die nächsten 10.000 € oben drauf – Sie reagieren auf die Veränderung flexibel und setzen Sie gerne um. Das klingt im ersten Moment ein bisschen nach heiler Welt und Wunschkonzert, so ist es aber nicht gemeint. Werte wie Prozesse, Dokumentation, Vertragsverhandlung und Planverfolgung sind auch wichtig, sie werden nur weiter hintenangestellt.

Agile Methode: SCRUM

Sie als Softwareentwicklerin wissen nun, welche Werte Sie mit ihrer agilen Einstellung verfolgen sollen. Aber wie setzen Sie das nun im Team um? Wie gestalten Sie die Prozesse, um den Werten gerecht zu werden? Dafür gibt es verschiedene agile Methoden. Die bekannteste hiervon ist Scrum. Der Begriff Scrum kommt aus dem Rugby und bedeutet so viel wie „angeordnetes Gedränge“. Der Ansatz wurde von Ken Schwaber und Jeff Sutherland ins Leben gerufen und wird seit den frühen 1990er Jahren verwendet. Scrum stellt ein Rahmenwerk für die Entwicklung, Auslieferung und Erhaltung von Produkten dar. Es definiert neben der Theorie und den Scrum-Werten, vor allem die Teamrollen und Spielregeln. Genauso wie der organisatorische Ablauf der Entwicklung des Produkts und Instrumente, die dabei verwendet werden. Der Scrum-Guide wird online kostenlos zur Verfügung gestellt und regelmäßig aktualisiert.

Agilität – die Lösung für alles?

Agilität bietet viele Vorteile. Unter anderem wird den Mitarbeitenden mehr Eigenverantwortung zugesprochen (Stichwort: „Empowerment“). Diese führt zu einer Erhöhung der Mitarbeiterzufriedenheit. Außerdem wird die Entwicklung von Produkten und Dienstleistungen schneller und flexibler; auf den Kunden kann besser eingegangen werden. Das Ergebnis zeigt sich in einer hohen Kundenzufriedenheit. Außerdem erscheint das Unternehmen als dynamisch und flexibel, so kann es ansprechender auf potenzielle Angestellte wirken. Zu guter Letzt noch der finanzielle Aspekt: Durch die effizienten Strukturen können die Kosten gesenkt werden. Also los und schnell die agile Arbeitsweise im Unternehmen implementieren und alle Probleme sind gelöst, oder? Das sehe ich auf keinen Fall so. Natürlich bietet Agilität viele Vorteile und hat damit auch positive Auswirkungen auf Ihr Unternehmen. Aber das Ganze muss richtig umgesetzt werden. Wenn sich eine Firma „agile Kultur“ auf die Fahnen schreibt und am Ende viele Dokumente noch nicht mal per E-Mail versendet werden können, stimmt etwas nicht. Genauso gibt es Unternehmen, in denen die Mitarbeitenden vielleicht gar nicht so viel Eigenverantwortung tragen wollen. Was dann? Es reicht nicht, moderne Konzepte im Unternehmen „wie wild“ umzusetzen („Gießkannenprinzip“) Sie müssen zur Firma, den Angestellten und der Kultur passen. Sie müssen erst die DNA Ihres Unternehmens kennen, um daraus wirklich passende Konzepte ableiten zu können. Diese wirken nicht nur nach außen wunderbar, sondern verändern das Unternehmen nachhaltig.

Jonas hat vor einiger Zeit das Konzept „Stagilität“ vorgestellt, Sie finden es hier. Ich freue mich über Diskussion.

 

Das wahre Aussehen kehrt zurück, während
das vorgetäuschte verschwindet.

von Petronius Gajus Arbiter

 

 

Literatur

www.agilemanifesto.org

www.scrumguides.org

Schawel C., Billing F. (2018) Agilität. In: Top 100 Management Tools. Springer Gabler, Wiesbaden

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