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Empowerment: Mitarbeitende im Flow

Lesezeit: 4 Min.

Empowerment ist eine der zentralen Maßnahmen, wenn es darum geht, eine Unternehmenskultur ganzheitlicher und menschlicher zu gestalten. Wie bereits der erste Artikel der Reihe Empowerment (Auf den Kern gebracht #7: Empowerment) erklärt hat, führt Empowerment letztlich dazu, dass die Mitarbeiter zu verantwortungsbewussten Akteuren innerhalb einer kollektivistischen Gesellschaft namens Unternehmen heranwachsen, in denen sie selbst Entscheidungen treffen können. 

Der zweite Teil der Serie Empowerment soll erklären, welchen Einfluss Empowerment auf die Arbeitszufriedenheit hat und wie der Zustand des Flows durch Empowerment der Mitarbeitenden zustande kommt.

Psychologisches Empowerment und Arbeitszufriedenheit

Psychologisches Empowerment hat laut Studien einen Einfluss auf die Arbeitszufriedenheit. Gerade im mittleren Management (in der sogenannten Sandwichposition), wo es zunehmend Druck von den oberen Führungskräften und den Mitarbeitern gibt, lässt sich dieser Zusammenhang besonders gut veranschaulichen. In diesem Kontext war der Zusammenhang zwischen psychologischem Empowerment und der Arbeitszufriedenheit sehr groß. Außerdem steht in dem Zusammenhang die emotionale Erschöpfung. Je zufriedener die Studienteilnehmer mit ihrer Arbeit waren, desto weniger emotional erschöpft fühlten sie sich. Psychologisches Empowerment ist also indirekt in der Lage, Burn-out-Symptome zu mildern. Mit einer Empowerment-Maßnahme lässt sich also auch die psychische Gesundheit der Mitarbeitenden und Führungskräfte beeinflussen. Ein weiterer spannender Zusammenhang besteht zwischen der Arbeitszufriedenheit und der selbsteingeschätzten Kompetenz. Je kompetenter sich die Führungskräfte im mittleren Management fühlten, desto zufriedener waren sie auch mit ihrer Arbeit. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass Menschen, die sich als wenig kompetent einschätzen würden, ihre Umwelt als unkontrollierbarer ansehen und sich nicht die Kompetenzen zuschreiben würden, die in ihrer Leistungsposition gefordert werden. 

Der Zustand des Flows

Die Vollendung findet die Arbeitszufriedenheit in einem Konzept namens „Flow“. Dieses Konzept hat erstmalig der Psychologe Csíkszentmihályi 1999 geprägt, in dem er Künstler darin beobachtete, wie sie völlig in ihrer Tätigkeit aufgingen. „Befinden wir uns im Flow, sind unser Fühlen, unser Wollen und unser Denken in diesen Augenblicken in Übereinstimmung. Die aktuelle Handlung passiert mit einer Leichtigkeit und geht mühelos, wie einer inneren Logik folgend vonstatten.“ (Csíkszentmihályi 2000, S. 15).

Csíkszentmihályi erkannte, dass Menschen, die sich in einem Flow-Zustand befinden, kein Zeitempfinden haben und sich in einem glückseligen Gefühl von Konzentration, Trance und Vervollkommnung befinden. Auch bei Sportlern wurde das Konzept des Flows entdeckt. Im Sport verlangt Flow einerseits nach einem Streben nach Kontrolle, andererseits nach einem Bewusstsein für die Unvorhersagbarkeit der Situation. 

Flow-Erlebnisse, egal in welchem Kontext haben also gemeinsame Bestandteile:

1. Passung zur Aufgabenschwierigkeit

Sowohl zu leichte als auch zu schwierige Aufgaben verhindern ein Flow-Erleben. Einerseits fühlt man sich überfordert, andererseits gelangweilt. Dies erklärt auch, wieso bei gleicher Tätigkeit nicht immer ein Flow-Erleben zustandekommt. 

2. Fokus und Konzentration

Alle irrelevanten Informationen rücken in den Hintergrund und die Tätigkeit, in die man versinkt, wird nicht hinterfragt. 

3. Erreichbare Ziele

Dem Flow erlebenden Individuum ist bewusst, was der nächste Schritt ist. Die Tätigkeit wird also meist nicht zum ersten Mal ausgeführt. 

4. Unmittelbares Feedback

Die Tätigkeit ist selbstbelohnend; das Individuum weiß, ob es auf dem richtigen Weg zur Vollendung ist. 

5. Kontrollgefühl

Wie beim psychologischen Empowerment ist hier die subjektive Beurteilung entscheidend. Die wahrgenommene Kontrolle überwiegt die objektive Kontrollempfindung. Stellen Sie sich beispielsweise einen Fallschirmspringer vor. Objektiv würde man sagen, dass der Fallschirmspringer sich keineswegs in einer Situation befindet, in der er Kontrolle darüber hat, was passiert. Subjektiv kann er aber statt Angst völlige Glückseligkeit durch Flow erleben. 

6. Veränderte Zeitwahrnehmung

„Die Zeit vergeht wie im Flug“ beschreibt das Flow-Erleben im Kern. 

7. Auflösung des Ichs

Flow-Zustände fühlen sich manchmal wie tranceartige Zustände an. Die Selbstreflexion geht in diesem Moment verloren, einige Menschen berichten sogar, das Selbst über die eigenen körperlichen Grenzen zu spüren. 

Um den Zustand des Flows im Arbeitskontext erreichbar zu machen, müssen Arbeitsaufgaben zwar herausfordernd sein, aber nicht überfordernd. Dem Mitarbeitenden ist in einem Flow-Zustand klar, was seine Aufgabe ist, die Tätigkeit geht flüssig von der Hand. Die Zeit tritt völlig in den Hintergrund und wird meist gänzlich vergessen. Sie fragen sich jetzt sicher, ob andere Menschen diesen Zustand in ihrem Arbeitskontext erleben. Laut einer Umfrage erleben 60,8% der Deutschen im Textileinzelhandel diesen Zustand ab und zu, 31,4% erleben ihn sogar öfter. Das Interessante ist dabei: je mehr Empowerment diese Menschen an ihrem Arbeitsplatz wahrnehmen, desto häufiger erleben sie auch den Zustand des Flows. 

Stress und Flow

Es wird geschätzt, dass Arbeitsstress die Vereinten Nationen jährlich Milliarden von Dollar an Produktivitätsverlusten und Gesundheitsausgaben kostet. Nahezu 25% der Deutschen geben in einer repräsentativen Umfrage an, in einem Tempo zu arbeiten, das sie langfristig nicht durchhalten können, 20 % erreichen dabei oft die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit (Bertelsmann Stiftung 2015). 

Stressempfinden hängt negativ mit Flow-Erleben und Arbeitszufriedenheit zusammen. Das heißt wenn ein Mitarbeitender Stress erlebt, ist es unwahrscheinlicher, einen Flow in der Arbeit zu erleben und seine Arbeitszufriedenheit ist in der Regel niedriger, als bei ungestressten Mitarbeitenden. Damit schließen sich Stressempfinden und der Zustand des Flows gegenseitig aus. 

Wieder einmal ist der Auslöser von Stress unter anderem die subjektive Bewertung der Situation. Vermutet man vor einer großen Herausforderung negative Folgen und Konsequenzen, so ist das Stressempfinden dementsprechend hoch. In einer solchen Umgebung kann kein Gefühl von Lust und Aufleben in der Tätigkeit entstehen. 

Wie Sie schon ahnen, spielt in diesem Zusammenhang erneut das psychologische Empowerment eine wesentliche Rolle. Mitarbeitende mit einem hohen psychologischen Empowerment erleben weniger Stress und fühlen sich belastbarer als nicht empowerte Mitarbeitende. Andere Studien zeigen, dass psychologisches Empowerment sogar die Depressionsneigung von Mitarbeitenden vorhersagen kann. Hoch psychologisch empowerte Mitarbeitende hatten eine deutlich geringere Depressionsneigung als nicht empowerte Mitarbeitende. In einer anderen Studie konnte sogar nachgewiesen werden, dass ältere Mitarbeitende (55+) sich weniger körperlich belastet fühlten, wenn ihr Empowerment hoch war. 

Wer könnte nun noch Einwände gegen Empowerment haben, wo diese Maßnahme für Mitarbeitende so viele Vorteile bietet? Empowerment macht seinem Namen alle Ehre: Es entspannt, beflügelt und ist gesund. 

 

“Enjoyment appears at the boundary between boredom and anxiety, when the challenges are just balanced with the person's capacity to act.” 

von Mihaly Csíkszentmihályi

 

Literatur: 

Jörg Lemmer Schmid; Flow – Erleben und Achtsamkeit

Carsten C. Schermuly - New Work: Gute Arbeit gestalten

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