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Demografischer Wandel: Die Zukunft der Arbeit

Lesezeit: 5 Min.

Zwischen 2013 und 2018 hat sich bei Google die Suchanfrage „future of work“ vervierfacht. Der Wunsch nach einer vorhersehbaren Zukunft unserer Arbeitswelt scheint sich mit zunehmendem technologischen Fortschritt immer mehr zu verfestigen.

Die Studie des internationalen Wirtschaftsunternehmen Deloitte hat 15.000 Personen in Europa nach der Zukunft der Arbeit gefragt und interessante Meinungen zusammengetragen. Was Sie über die Zukunft der Arbeit wissen müssen und welche Perspektiven sich bieten, lesen Sie in diesem zweikern Artikel.

Status Quo

Dass der demografische Wandel ein großes Thema in der heutigen Arbeitswelt ist, ist keine Neuigkeit. Trotzdem wissen wir nicht, wie wir mit diesem Trend, der bereits in der Personalstruktur zu erkennen ist, umgehen sollen. Schwarzmalerei liest man dabei zuhauf. Echte Zahlen und Prognosen, wie man diesen Trend auch positiv bewerten kann dagegen selten. Hier lesen Sie einige Fakten, die die Situation um den demografischen Wandel verdeutlichen. 

2017 war das erste Jahr in Europa, in dem laut Eurostat Data mehr Menschen über 50 Jahren in Unternehmen beschäftigt waren als 15- bis 34-Jährige. Dabei wuchs die Rate an 50+ Mitarbeitenden zwischen 1995 und 2017 um mehr als 80 %. Die Babyboomer-Generation macht dabei nach wie vor einen großen Teil der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter aus.

Den neuesten Bevölkerungsprognosen der UN nach zu urteilen wird in Westeuropa bis 2050 die Zahl der Personen im Alter von 15 bis 29 Jahre um weitere 7% schrumpfen, obwohl die Population in Europa stetig steigt. Von allen EU-Mitgliedstaaten hatte Deutschland 2014 die kleinste junge Bevölkerung (0-14 Jahre) mit 13,1%, was darauf schließen lässt, dass die oben genannte Prognose durchaus zutreffend sein wird und wir mit einem deutlichen Rückgang der Berufseinsteiger in den kommenden Jahren und Jahrzehnten rechnen müssen.

Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt

Im Arbeitskontext lässt sich also folgendes zusammenfassen: Die erwerbstätige Bevölkerung wird zunehmend älter, und es wird zukünftig mehr ältere Menschen in Unternehmen geben. Die jüngere Generation bildet einen immer geringer werdenden Anteil der Arbeitskräfte in einem Unternehmen und hat einen deutlichen späteren Berufseinstieg als noch vor einigen Jahrzehnten. Diese beiden gegenläufigen Trends lassen sich durch Neueinstellungen nicht kompensieren.

Nur 16% der befragten europäischen Finanzvorstände (CFO) gaben an, dass sie keine Probleme damit haben, Fachkräfte, die auf ausgeschriebene Stellenanzeigen passen, zu finden. Andererseits sehen die meisten CFOs  den Fachkräftemangel als eine der größten Herausforderungen für ihr Unternehmen. Zukünftig wird sich wohl die Kluft zwischen den Anforderungen, die an einen Bewerber gestellt werden, und den Angeboten auf dem Arbeitsmarkt vergrößern. 

Wie macht man sich den Trend zunutze?

Es muss ein Umdenken stattfinden. Stellenanzeigen, die junge Bewerber mit vielen Jahren Berufserfahrungen suchen, werden wohl nicht auf eine große Resonanz stoßen, da das Eintrittsalter in das Berufsleben deutlich zunimmt. Auch die zunehmende Arbeitslosigkeit im Alter ist alarmierend. Es gibt Unternehmen, die sich weigern, ältere Menschen einzustellen, weil sie ihnen verminderte Arbeitsproduktivität und überdurchschnittlich viele Krankentage unterstellen. Jeder fünfte HR-Manager gab in der Umfrage von Human Capital Trend an, dass sie ältere Mitarbeitende als Wettbewerbsnachteil ansehen. 

Dabei ist oftmals das Gegenteil der Fall. Die Studie „the voice of workforce in Europe“ bestätigt, dass ältere Arbeitnehmer zufriedener sind als jüngere. Dass diese Zufriedenheit noch andere positive Folgen nach sich zieht, habe ich bereits im Artikel „Commitment durch Verantwortung“ erwähnt. Im Gegensatz dazu stimmen jüngere Mitarbeitende deutlich häufiger zu negativen Aussagen über ihre Arbeit zu (z. B. „Was ich tue ist nicht bedeutungsvoll“, „Ich gebe bei der Arbeit nicht 100%“, „Mir bereitet meine Arbeit keine Freude“).

Ein Vorteil des demografischen Wandels, der sich für Unternehmen bietet, ist die Verlängerung der Karrieren der einzelnen Mitarbeitenden. Dadurch, dass die Lebenserwartung immer noch steigt, sehen viele ältere Mitarbeitende keinen Grund darin, vorzeitig in Ruhestand zu gehen.

Der Großteil der befragten älteren Mitarbeitenden gab auf die Frage, wie sie sich den Übergang in ihren Ruhestand vorstellen, an, dass sie nach ihrem 50. Lebensjahr auch weiterhin im vollen Umfang arbeiten möchten. Auch nach dem Renteneintrittsalter wünschen sich viele Menschen weiterhin in dem Unternehmen mit reduziertem Umfang arbeiten zu können.

Daten der Umfrage zeigen, dass klassische Arbeitsmodelle, in denen Arbeitnehmer nur einen Job als Haupterwerb haben, ausgedient haben. Der Trend geht in Richtung „Job-Mosaik“ in dem sich Menschen für mehrere Berufe in unterschiedlichem Stundenausmaß entscheiden. Eine Möglichkeit, unbesetzte Stellen zu füllen, ist neben Job Sharing, Teilzeitarbeit und Freelancer-Tätigkeiten das sogenannte Gig Work. Gig Work ist das Auslagern von Fachaufträgen an Firmen, die ihre Dienste meist über Plattformen anbieten. 

Interessanterweise sind ältere Menschen offener für nicht-klassische Anstellungsverhältnisse. Beispielsweise sind zweimal so viele 55+ Arbeitnehmer daran interessiert, Freelancer-Tätigkeiten anzunehmen als unter 35-Jährige. Die Gruppe der unter 35-Jährigen ist besonders an Vollzeitarbeitsverträgen interessiert. 

Um sich zukünftig unentbehrlich für eine Tätigkeit zu machen, werden laut Umfrage einzigartig menschliche Eigenschaften immer wichtiger. Diese schließen komplexe Problemlösefähigkeiten, Social Skills und kognitive Fähigkeiten mit ein. 52 % der Befragten der Studie gaben zum Thema lebenslanges Lernen an, dass sie ihre Lernfähigkeit verbessern müssen. Dies liegt vermutlich auch daran, dass das Wissen und Gelernte heutzutage bereits nach wenigen Jahren Berufserfahrung veraltet ist und damit der Wunsch nach Weiterbildung und Zusatzqualifikationen immer größer wird. 

Damit das lebenslange Lernen auch im Unternehmen möglich ist, sollten Firmen umfassende Möglichkeiten zur Fortbildung bereitstellen, gekoppelt mit einer verbesserten Infrastruktur. Besonders beliebt bei Mitarbeitenden ist das Training on the job, bei dem informell direkt am Arbeitsplatz gelernt wird und nicht traditionell explizites Wissen in Seminarräumen vermittelt wird.

Unabhängig vom Alter sind flexible Arbeitszeiten zunehmend wichtiger für Arbeitnehmer. Vor allem jüngere Mitarbeitende mit Kindern legen viel Wert darauf, ihre Zeit selbst einteilen zu können.

Fazit

Die Zukunft der Arbeit ist ungewiss, doch lässt sich mithilfe von Befragungen und Studien einschätzen, welche Richtung wir einschlagen und welche Innovationen und Trends auch zukünftig noch relevant sein werden. Unternehmen sollten ihre Angst ablegen, dass ältere Mitarbeitende ein Risiko für die Unternehmensziele bilden. Ganz im Gegenteil sind sich ältere Arbeitnehmer ihrer Stärken eher bewusst als Jüngere, sind bereit, zum lebenslangen Lernen und sind innerhalb ihres Jobs zufriedener, was sich laut Studien auf das Commitment dem Unternehmen gegenüber auswirkt. Statt Angst davor zu haben, was kommt, sollten wir den Status quo ermitteln und uns gemeinsam für eine Zukunft entscheiden, die niemanden auf der Strecke lässt. 

Egal, ob Jung oder Alt.

 

Die demographische Entwicklung bleibt auch im Bäckerladen nicht ohne Folgen, ein Familienstück Streuselkuchen ist heute erheblich kleiner als noch vor wenigen Jahren.

von Karl Werner Dickhöfer (Lehrer)

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