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Interview: Reverse Mentoring mit Anne M. Schüller und Alex T. Steffen

Vielen Dank Frau Schüller und Herr Steffen, dass sie sich heute die Zeit genommen haben, mit uns das Thema Reverse Mentoring zu diskutieren und uns ein bisschen in die Thematik einführen.

Frage 1

Könnten Sie uns zu Beginn kurz erklären was man unter dem Begriff Reverse Mentoring versteht?

Anne M. Schüller: Im klassischen Mentoring kümmert sich ein erfahrener Dienstälterer um eine noch weniger kundige jüngere Person, damit diese sich in vordefinierten Bereichen zügig weiterentwickeln kann. Im Reverse Mentoring macht man es genau umgekehrt: Der Junior, also der Mentor, coacht den Senior, den Mentee, auf den Themengebieten, die „Jung“ besser kann als „Alt“.

Frage 2

Das Reverse Mentoring ist ein relativ junger Begriff, von dem noch nicht viele Menschen gehört haben, wie sind Sie darauf aufmerksam geworden?

Alex T. Steffen: In den USA wird das Reverse Mentoring bereits länger praktiziert, zum Beispiel in Firmen wie Procter & Gamble, United Health, Target, Deloitte, PwC und Cisco. Auch im deutschsprachigen Raum arbeiten verschiedene Unternehmen schon damit, zum Beispiel IBM, Henkel, Merck, Bosch, Continental, die Allianz, die Lufthansa, die Deutsche Telekom, die Credit Suisse und die Bank Austria. Es eignet sich aber genauso gut für kleine und mittelständische Unternehmen,

Anne M. Schüller: Zugeschrieben wird das Konzept, so heißt es, Jack Welch, der lange Jahre CEO beim Mischkonzern General Electric war. Schon Ende der 1990er-Jahre hat er wohl erkannt, dass sein Managementteam noch viel über das damals junge Internet zu lernen hätte, um nicht auf der Strecke zu bleiben. So forderte er seine Führungskräfte auf, interne Mentoren zu finden, um sich von diesen mit dem Web vertraut machen zu lassen. Welch selbst ging dabei mit gutem Beispiel voran. 

Frage 3

Ich könnte mir vorstellen, dass es schwierig ist, einer älteren Führungskraft zu vermitteln, dass es Themen gibt, die ein Jungspund im Unternehmen besser kann, als er selbst. Gibt es hier Skepsis von Seiten des Seniors, beziehungsweise, lässt sich dieser von einem Junior „belehren“?

Alex T. Steffen: Ja, da gibt es nicht selten Vorbehalte. Es passt einfach nicht zur traditionellen Denkweise vieler Unternehmen, dass ein Junior mehr wissen kann oder darf als ein Senior. Viele Führungskräfte haben von sich ja leider noch immer das Bild, der beste Fachmann in ihrem Team sein zu müssen und quasi auf alles eine passende Antwort zu haben. Früher war das sicher möglich, doch heute wird Wissen immer komplexer, und es altert jeden Tag.

Anne M. Schüller: Damit das Reverse Mentoring reiche Früchte trägt, braucht es Freiwilligkeit auf beiden Seiten verbunden mit absoluter Diskretion. Zudem darf es keine Konkurrenzsituation und keine hierarchische Abhängigkeit geben. Außerdem müssen die Akteure menschlich zueinander passen sowie Vertrauen und Respekt füreinander besitzen. Sie betrachten sich als gleichwertig und begegnen sich auf Augenhöhe.

Frage 4

Ihr sprecht in euren Buch immer wieder von den „Millennials“, das hört sich fast nach einer „eigenen Spezies“ an, wo liegen denn die wesentlichen Unterschiede zu den älteren Generationen?

Alex T. Steffen: Ich denke, es ist nicht vorrangig das Alter, sondern die Haltung, die den Unterschied zwischen Millennials und älteren Generationen macht. Kerneigenschaften der Millennials in Bezug auf die Arbeitswelt sind eine kollaborative Arbeitsweise, also das Teilen und sich Ergänzen statt des in Old-School-Unternehmen üblichen Konkurrenzgebarens. Ferner gehört dazu Selbstorganisation statt Hierarchie, Diversität statt Homogenität sowie das schnelle Umsetzen mittels Prototypisierung statt intensivem Planen und Absichern.

In kleinen, jungen Unternehmen finden solche Haltungen viel schneller Anklang als in großen, traditionellen Organisationen. Doch was wirklich zählt ist, dass die Verknüpfung der Haltungen erst die wirklichen Erfolge liefert. Nicht alles war früher schlechter. Doch ein starres Festhalten an alten Strukturen kann in einer digitalen Welt nicht zu Erfolg führen. Schlussendlich können auch etablierte Konzernstrukturen mithilfe der Millennials auf die digitale Ökonomie vorbereitet werden, zum Beispiel durch das Reverse Mentoring.

Frage 5

In welchen Bereichen im Unternehmen kann man am meisten vom Reverse Mentoring profitieren?

Anne M. Schüller: Ich denke, in allen. In Summe geht es ja darum, die digitale Fitness, oder, wie man so schön sagt, den digitalen IQ im ganzen Unternehmen zu erhöhen, Prozesse und Strukturen zu verjüngen sowie altgewohnte Kommunikations- und Arbeitsweisen an die Erfordernisse der Zukunft anzupassen. Hierzu bieten sich etwa folgende Themen an:

  • Agile Arbeitsorganisation
  • Kooperatives Führungsverhalten
  • Junge Recruitingmethoden
  • Social Media und Onlinemarketing
  • Innovative Geschäftsmodelle

Im Buch beschreiben wir detailliert, wie man dabei am besten Schritt für Schritt vorgeht und was man von Anfang an beachten muss, damit das dann auch funktioniert.

Frage 6

Wo liegen im Allgemeinen die Vorteile von Reverse Mentoring für Unternehmen?

Anne M. Schüller: Es gibt eine ganze Reihe von Vorteilen sowohl für den Mentee als auch für den Mentor als auch für das Unternehmen. Der Dialog zwischen Jung und Alt zu unterschiedlichen Ansätzen und Standpunkten über Generationen und auch über Hierarchien hinweg kann die Unternehmenskultur insgesamt befruchten und das Verständnis füreinander verbessern. Der Wissenstransfer wird optimiert und die Lernpyramide auch mal auf den Kopf gestellt. Insgesamt ist das Reverse Mentoring ein hervorragendes Tool, um eine lernende Organisation aufzubauen. Abgesehen davon ist es eine sehr kostengünstige Form der freiwilligen Mitarbeiterentwicklung.

Alex T. Steffen: Im Idealfall kann sich ein Tandempaar gegenseitig coachen, also gleichzeitig voneinander und miteinander lernen. Junges Wissen und wertvolle Managementerfahrungen werden dabei getauscht. Solche Perspektivenwechsel schärfen den Blick für alternative Lösungsmodelle und erweitern den Horizont. Das ist sicher für beide Seiten sehr hilfreich.

 

Über die Autoren

 

Alex T. Steffen

Alex T. Steffen (Jahrgang 1990) ist Unternehmensberater mit Fokus Innovation und Digitale Transformation. Zuvor war er Angestellter in analogen Unternehmen und digitalen Startups. Daher kennt er in Bezug auf die Arbeitswelt beide Seiten. Er hat einen Bachelor of Science in International Business. Durch seine Keynotes und Workshops hilft er Unternehmen dabei, in Zeiten des Wandels agiler und robuster zu werden.

 

 

Anne M. Schüller

Anne M. Schüller ist Managementdenker, Keynote-Speaker, mehrfach preisgekrönte Bestsellerautorin und Businesscoach. Die Diplom-Betriebswirtin gilt als Europas führende Expertin für das Touchpoint Management und eine kundenfokussierte Unternehmenstransformation. Sie zählt zu den gefragtesten Rednern im deutschsprachigen Raum. Zu ihrem Kundenkreis zählt die Elite der Wirtschaft.

Gemeinsam haben Anne M. Schüller und Alex T. Steffen ein Buch zu diesem Thema verfasst: "Fit für die Next Economy". In diesem Buch haben sich ein Vertreter der Jungen Generation und eine Vertreterin der Old Economy zusammengetan, um Wege in die Zukunft zu sondieren, die wachsende Kluft zwischen „Jung“, "Alt" und "Neu" zu überwinden und zu gemeinsamem Handeln zu kommen.

Portrait Carina Andorfer

Autor

Carina Andorfer
Psychologin

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