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Arbeitszeitsenkung: Zeit ist Geld

Lesezeit: 5 Min.

Seit den 50ern hat sich die Arbeitszeit weltweit pro Tag drastisch von ca. 50 Stunden auf 40 Stunden reduziert. Jetzt werden Stimmen laut, dass eine weitere Senkung der Arbeitsstunden Vorteile für Mitarbeiter und Unternehmer haben soll. Weniger arbeiten und dasselbe verdienen? Klingt nach einem Eldorado für Arbeitnehmer und horrende Kosten für den Arbeitgeber. Was dahintersteckt und ob innovative Arbeitszeitmodelle nicht doch einen produktiven und philanthropischen Vorsprung bieten, erläutert euch dieser Artikel.

Das Mitarbeiter - Eldorado

Gehaltserhöhung durch Stundenreduktion. Klingt nach einer Arbeitsplatzutopie für Mitarbeiter und nach dem Schrecken eines jeden Unternehmers. Für weltweites Aufsehen sorgte ein neuseeländisches Projekt, das den Arbeitnehmern eine 4-Tage-Woche anbietet. Für den Geschäftsführer der Firma ist dabei Flexibilität das Stichwort der Stunde. Seine Mitarbeiter haben die Möglichkeit, sich ihre Zeit frei einzuteilen, um das Privatleben besser mit ihrer Arbeit vereinbaren zu können. Die Studie berichtet eine höhere Zufriedenheit im Job, verbesserte Work-Life Balance, ein vermindertes Stresslevel und eine Steigerung der Produktivität um 20%.

Auch ein deutscher Versuch, auf den Zug der verkürzten Arbeitszeit aufzuspringen schafft es momentan oft in die Medien. 25-Wochenstunden. Bei voller Bezahlung. Die IT-Agentur „Digital Enabler“ in Bielefeld testet momentan in Kooperation mit der Fachhochschule Bielefeld das 25-Stunden-Modell. Und es funktioniert. Sowohl Angestellte als auch Gründer Lasse Rheingans sehen viele Vorteile des futuristischen Arbeitszeitkonzepts. Nicht nur die Motivation, sondern auch die Produktivität scheint bei verkürzter Arbeitszeit deutlich anzusteigen. Die Angestellten im Bielefelder Unternehmen beschreiben sich als ausgeglichener und haben mehr Freizeit als vorher. Nach Feierabend treiben sie mehr Sport, verbringen Zeit mit der Familie und bilden sich eigeninitiativ fort. Eine Mitarbeiterin berichtet, dass sie sich auch nach Feierabend mit einem gewissen Abstand zur Arbeit herausfordernde Aufgaben durch den Kopf gehen lassen kann, ohne dabei, wie früher, gestresst zu werden. Dabei findet sie häufig kreative Problemlösungen, die sich ihr im normalen Büroalltag nicht erschlossen hätten.

Der Erfolg des innovativen Arbeitszeitmodells

Lasse Rheingans erzählt in einem Interview, dass der Erfolg eines solchen Arbeitszeitmodells vor allem daran geknüpft sei, dass die Mitarbeiter ein sehr eingespieltes, hoch motiviertes Team bilden, bei dem alle an einem Strang ziehen. Eine familiäre Unternehmenskultur mit sozialem Austausch, ohne Ellenbogenhabitus sei dabei das Fundament, auf dem das Arbeitszeitmodell fußt.

Daddeln in Social Media oder künstlich in die Länge gezogene Raucherpausen seien die absolute Ausnahme, weil sich die Mitarbeiter dem Unternehmen und dessen Erfolg verpflichtet fühlen. Weniger Krankentage, eine ausgeglichene Stimmung und eine gesteigerte Produktivität sind Benefits für jede Firma und das Eldorado für Mitarbeiter. Oder?

Die Kehrseite der Medaille

Das Toyota Werk in Göteborg hat 2003 den Versuch gestartet, die Arbeitszeiten der Mitarbeiter zu verkürzen. Statt eines 8-Stunden-Tages arbeiten die Arbeitnehmer nun zwei Stunden weniger pro Tag. Das Toyota Projekt galt seitdem als Vorreiter und Erfolgsmodell für viele weitere Vorhaben in Schweden, unter anderem im Pflegesektor. Diese waren jedoch von mäßigem Erfolg gekrönt. Da sich der 6-Stunden-Tag in dem schwedischen Krankenhaus zunehmend zum Kostenfaktor für den Staat entwickelte, wurde er schließlich eingestellt. Das Krankenhaus berichtete dabei, dass sie das Projekt gerne fortgeführt hätten, dann jedoch auf die finanzielle Unterstützung des Staats angewiesen wären. Des Weiteren wären zwar die Mitarbeiter und Patienten zufriedener, die Krankentage nahmen jedoch nur geringfügig ab und die Produktivität stieg ebenfalls nicht, wie zuvor erwartet. Da jedoch die Leistung eines Mitarbeiters im Dienstleistungs- und Pflegesektor nicht mit der Produktivitätssteigerung eines Unternehmens im produzierenden Gewerbe verglichen werden kann, sind die Vorteile eines verkürzten Arbeitstages nicht quantifizierbar. Offenbar ist die Eignung zu einer reduzierten Arbeitszeit nicht in allen Branchen gegeben.

Auf Konservativismus setzt dagegen Österreich. Seit September 2018 ist dort der 12-Stunden-Tag erlaubt, der entgegen allen momentanen Trends in der Arbeitszeitforschung neuerlich von der Regierung eingeführt wurde.

Die aktuelle Studienlage

Höchstarbeitszeit

Die Verlängerung der Höchstarbeitszeit in Österreich ist medial äußerst präsent. Je nach Arbeitssektor sinkt die Produktivität nach der 4. Arbeitsstunde ab, das Unfallrisiko steigt nach der 9. Arbeitsstunde exponentiell an. Ein 12 Stunden Tag bedeutet nicht nur, dass der Arbeitnehmer vier Stunden länger am Arbeitsplatz ist, sondern auch, dass ihm weniger Zeit bleibt, um sich zu erholen. Wenn ein Mitarbeiter mit einem 12-Stunden-Tag einen einstündigen Anfahrtsweg zur Arbeitsstätte hat, so bleiben ihm nur noch, nach Abzug von sieben bis acht Stunden Schlaf, drei bis vier Stunden zur Erholung, um Zeit mit seiner Familie zu verbringen und für Freizeitaktivitäten. Langfristige Folgen von einer 60 Stunden Woche lassen sich nur vermuten. Aller Voraussicht nach steigt das Risiko für psychische Erkrankungen, Burn-out, körperliche Beschwerden und Herzkreislauferkrankungen.

Arbeitszeitsenkung

Laut einer Studie des OECD (Organisation for Economic Co-Operation and Development) sind die fünf produktivsten Länder zugleich die, deren Arbeitstage im Vergleich zu dem Länderdurchschnitt kürzer sind. Interessant ist außerdem, dass die Angestelltenzufriedenheit mit der Produktivität zusammenhängt. Je zufriedener ein Mitarbeiter in einem Unternehmen ist, desto produktiver ist er auch. Des Weiteren bestätigen 75% der Mitarbeiter im mittleren Management laut einer REGUS Studie, dass flexibles Arbeiten ihre Produktivität erhöht. Außerdem soll durch ein flexibles Arbeitsmodell die Entscheidungsschnelligkeit und die Kreativität gefördert werden.

Diese Daten sprechen dafür, dass klassische Arbeitsbedingungen in denen man gemeinsam mit einem Dutzend Arbeitskollegen in einem überfüllten, lauten Großraumbüro sitzt, und nach einem langen Arbeitstag inklusive Überstunden mit rauchendem Kopf nach Hause geht, zukünftig wohl ausgedient haben werden. Auch der BDA (Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände) hat den Nerv der Zeit mit seiner Forderung getroffen, das Arbeitszeitmodell vom bestehenden acht Stunden Tag auf eine flexible Höchstarbeitszeit von 48 Stunden/Woche zu verändern. Flexibilität statt fixes Arbeitszeitmodell. Ob dadurch jedoch auch aufseiten des Mitarbeiters Vorteile entstehen, oder ob damit lediglich Tür und Tor für vom Arbeitgeber implizit geforderten Überstunden geschaffen werden, bleibt unklar. Um Arbeitnehmer künftig schützen zu können, sollte die Regierung für so ein Gesetz klare Spielregeln vorgeben.

Das Fazit

Bleibt die Frage, welches Konzept für ein Unternehmen nun als sinnvoll erachtet wird, und auf welches ein Arbeitgeber besser verzichten sollte. Wie bei der Recherche dieses Artikels festgestellt, sind verkürzte Arbeitszeiten auf vier oder fünf Stunden/Tag für Arbeitsstellen sinnvoll, die ein hohes Maß an Kreativität, Aufmerksamkeit oder kognitive Ressourcen fordern. Je körperlich oder kognitiv fordernder eine Arbeit ist, desto mehr Freizeit und Erholung benötigt ein Mensch. Die oben genannten Nachteile sprächen gegen eine Reduzierung der Arbeitsstunden und müssen vor Einführung einer neuen Arbeitszeitkonzeption vom Unternehmen genau geprüft werden.

Interessant ist der Aspekt, dass wir unsere zunehmende Produktivität und die Technisierung dafür nutzen könnten, dass wir reicher an Zeit werden, um ein erfülltes Leben zu führen. Zeit für die Familie, für unsere Hobbies, zur Selbstverwirklichung. Dieser Maxime folgen auch skandinavische Länder, was unter anderem dazu führt, dass die Menschen laut eigenen Angaben dort am glücklichsten weltweit sind.

An welche Bedingungen ein verkürzter Arbeitstag geknüpft ist, und wie gesteigerte Produktivität gelingen kann, berichte ich im nächsten Artikel.

 

You never change things by fighting the existing reality.
To change something, build a new model that makes
the existing model obsolete.

von Buckminster Fuller

 

Literatur

https://utopia.de/arbeitstag-schweden-sechs-stunden-69820/

https://www.zeit.de/zeit-spezial/2018/01/25-stunden-woche-lasse-rheingans-agentur-bielefeld/seite-3

https://www.welt.de/regionales/nrw/article189004609/Fuenf-Stunden-Tag-Fuer-Bielefelder-Agentur-geht-Arbeitszeit-auch-anders.html

https://kontrast.at/arbeitszeitverkuerzung-nuetzt-allen/

https://utopia.de/arbeitstag-schweden-sechs-stunden-69820/

https://www.n-tv.de/wirtschaft/Der-Sechs-Stunden-Arbeitstag-Ein-schwedisches-Experiment-floppt-article19474266.html

https://www.regus.at/work-austria/produktivitat-pro-stunde-sollten-wir-den-arbeitstag-verkurzen/

https://awblog.at/lange-arbeitszeit-niedrige-produktivitaet/

https://www.slideshare.net/REGUSmedia/re3339-prs-gbs-9-productivity-reportglobaloct13v3

World Happiness Report (2019) Editors: John F. Helliwell, Richard Layard, and Jeffrey D. Sachs

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Comment by Manuel |

Radikale Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich sollte keine BWL-Methode zur Gewinnsteigerung sein, sondern sich aus dem einfachen Zusammenhang der Produktivitätssteigerung durch technischen Fortschritt ergeben und jedem (nicht nur demjenigen Angestellten, der das Glück hat in einem "kreativen" Job zu sitzen) produktiv Tätigen Menschen innerhalb eines Produktionsregimes zu Gute kommen. Besonders der Fortschritt durch Technisierung, Roboterisierung etc. kommt bisher nicht bei den Arbeitnehmern an. Seit der Aktion "Samstag gehört Papi mir" gab es kein ernsthaftes Programm mehr, welches auf Arbeitszeitverkürzung angelegt war. Trotz immensem BIP Wachstum stagniert die Arbeitszeit, teilweise steigen sogar die geleisteten Arbeitsstunden pro Mitarbeiter in Deutschland. Wo landen eigentlich diejenigen (vom technischem Fortschritt und Rationalisierung) "freigesetzten" Arbeitsstunden und Arbeitnehmer? Antwort: in Bullshitjobs (David Graeber). Das sind Jobs, in denen die Arbeitnehmer das Gefühl haben, eigentlich überflüssig zu sein oder durch ihr Tun im Grunde nichts zur gesellschaftlichen Entwicklung beizutragen. Gesamtgesellschaftlich gesehen passiert also Folgendes: Wir rationalisieren und technisieren, setzen dadurch potentiell Arbeitskraft frei, lassen alle Arbeitsnehmer aber weiterhin genau so lange arbeiten wie zuvor. Das Ergebnis kann nur sinnlose Beschäftigung sein, in der sich traurigerweise viele Menschen gefangen sehen (ich werde eigentlich nicht mehr gebraucht). Durch radikale Arbeitszeitverkürzung bei allen Arbeitsnehmern würde man auch den Anteil sinnloser Beschäftigung auf Dauer wieder verkürzen. Die Devise muss lauten: Je effizienter ein Produktionsregime wird, desto kürzer wird die individuell geleistete Lohnarbeitszeit. Das ist kein BWL-Kniff, das ist volkswirtschaftliche Notwendigkeit und sollte auch als solche behandelt und öffentlich diskutiert werden.

Reply by Katharina Raichle

Hallo Manuel,

vielen Dank für deinen Kommentar. Ich sehe das ähnlich wie du, dass wir die steigende Produktivität, die sowohl durch Technisierung als auch verbesserte Arbeitmittel und -methoden bedingt ist, dazu nutzen sollten, das den Menschen wieder zurückzuführen, die uns diesen Aufschwung ermöglichen -  den Arbeitnehmern.

Wie bereits im Artikel erwähnt, beginnen vor allem skandinavische Länder und die Niederlande damit, die Struktur unserer derzeiten Arbeit zu überdenken,  um einen Mehrwert für die Menschen zu schaffen und nicht unbedingt versuchen, mit der Brechstange noch mehr Gewinne zu erwirtschaften. Meiner Meinung nach ist auch der Staat maßgeblich daran beteiligt, dem Label "sozial", das der Marktwirtschaft derzeit noch innewohnt gerecht zu werden.