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Automatisierung: Die Grenze emotionsloser Technik

Die Automatisierung ist in vollem Gange. Alles soll schneller, einfacher und vor allem ohne den menschlichen Verstand funktionieren. Eines ist klar: Ohne die Automatisierung gäbe es keinen Fortschritt und die Produktion würde erstens viel zu viel Zeit in Anspruch nehmen und auch eine Lawine an Kosten verursachen. Durch Maschinen, die selbstständig arbeiten können, sind hochwertigste Produkte in den letzten Jahrzehnten für eine breite Masse der Bevölkerung zugänglich geworden. Vieles hat sich maßgeblich verändert und so mancher spricht davon, dass der Mensch in der Arbeitswelt irgendwann überflüssig wird. Die Technik und die Maschinen sind bereits so gut entwickelt, dass sie Menschen nicht nur ersetzen, sondern viele Arbeiten auch besser verrichten können, als durch die menschliche Hand. Menschen sind nun mal menschlich und auf Grund dessen, können sich Fehler in die Arbeit einschleichen. Bei Maschinen ist das anders. Wir fragen uns heute: Wo liegt die Grenze der Automatisierung? Kann die heutige Technik den menschlichen Verstand ersetzen?

Automatisierter Bewerbungsprozess

Ich war am 2. September bei der Zeit-Konferenz zum Thema künstliche Intelligenz in Berlin. In einem Vortrag von SAP wurde behauptet, dass ein Unternehmen nur dann in Zukunft erfolgreich sein kann, wenn es auf Automatisierung setzt. Das heißt, die meisten Prozesse im Unternehmen sollten automatisiert und digitalisiert werden, unter anderem auch der Bewerbungsprozess. So sollen in Zukunft Bewerber nicht mehr persönlich in den Betrieb kommen um sich vorzustellen, sondern etwaige Tests am PC durchführen und ein Computerprogramm berechnet, wer der beste Bewerber ist. Dies würde einem Unternehmen viel Zeit und auch Geld sparen. Als ich das gehört habe, lief es mir irgendwie kalt den Rücken runter. Ich persönlich würde das nicht wollen, dass ein Computer über meine Befähigung entscheidet. Die Mitarbeiter eines Unternehmens sind der wichtigste Baustein und maßgeblich ausschlaggebend für den Erfolg. Warum sollte man diese Entscheidung an ein Computerprogramm abgeben? Wo bleibt hier der menschliche Verstand, das Bauchgefühl, die Emotionen, die man empfindet, wenn man einen Bewerber sieht, ihn sprechen hört, seine Ausstrahlung und Körpersprache wahrnimmt? Ich denke in einer Bewerbungssituation sind genau solche Dinge von größerer Bedeutung, als die Abschlussnoten der schulischen Ausbildung des Bewerber oder wie gut er in einem Intelligenztest abgeschnitten hat. Der Mensch selbst sollte doch zum Unternehmen passen und eine gewisse Sympathie kann nicht schaden. Solche Dinge wird ein Computer niemals erfassen können.

Automatisierte Beförderung

Google hat einen eigenen Algorithmus entwickelt, der herausfindet welcher Mitarbeiter eine Beförderung am meisten verdient hat. Das klingt zu Beginn nach einer fairen Lösung um Sympathiepunkte für eine Beförderung auszuschließen. Trotzdem waren die Mitarbeiter von Google sehr unzufrieden mit dem neuen System. Was war das Problem? Wer wird schon gerne von einem Computer bewertet, wie gut die Arbeit ist, die man leistet? Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten bereits seit 15 Jahren bei Ihrer Firma und warten nun schon seit 2 Jahren auf eine Beförderung zum Abteilungsleiter. Ihre Leistungen werden anhand eines Programmes überprüft und Sie erfahren, dass Ihr Kollege, der erst seit 3 Jahren im Betrieb ist 9,7 Punkte von 10 erreicht hat, Sie aber nur 9,3. Ihr Kollege bekommt die Stelle als Abteilungsleiter, weil seine Arbeit anscheinend besser war und er es augenscheinlich mehr verdient hat. Was ist mit all der Treue, die Sie dem Unternehmen geschenkt haben. Sie sind durch Höhen und Tiefen gegangen und nun sagt Ihnen ein Computerprogramm, dass jemand anderes diese Stelle mehr verdient hat als Sie? Ich persönlich denke nicht, dass hier die Zukunft liegt. Mechanische Wertschätzung ist keine echte Wertschätzung und wird den Menschen niemals ersetzen können. Das Lob einer Maschine für gute Arbeit wird nie dieselbe Wertigkeit aufweisen, als die menschliche Anerkennung z.B. vom Vorgesetzten in Form einer Beförderung.

Industrie 4.0 und Automatisierung in der Produktion

Es gibt bereits viele Horrorszenarien über das Thema Industrie 4.0 und Automatisierung. Durch die wahnsinnigen Fortschritte in der Entwicklung von automatischen Maschinen und Robotern sollen etwa die Hälfte der Mitarbeiter in der Produktion ersetzt werden. Maschinen würden eine extreme Kostenersparnis mit sich bringen, da gerade in der EU die Personalkosten sehr hoch sind. Industrie 4.0 hat allerdings nichts damit zu tun, Menschen durch Maschinen zu ersetzen. Der Mensch gehört immer noch zu den flexibelsten Produktionsressourcen und ist auch in diesem Bereich nicht weg zu denken. Natürlich wird sich die Arbeit an sich, durch zunehmende Automatisierung und komplexere Systeme, verändern. Dennoch hat der Mensch einen großen Stellenwert in diesem System.

Grenze der Automatisierung

Sogar in der Produktion stößt die Automatisierung auf ihre Grenzen, nämlich an der wirtschaftlichen Flexibilität. In einer Untersuchung des Fraunhofer Instituts konnte gezeigt werden, dass der Trend zur Vollautomatisierung nur zu einem gewissen Grad eine Zukunft hat. Bei mehr als einem Drittel der Betriebe, die Automatisierungsprozesse in die Wege geleitet haben, konnten die Erwartungen nicht erfüllt werden und viele klagen über Fehlinvestitionen. Einige Unternehmen sind wieder einen Schritt zurück gegangen und haben eine Reduzierung der automatischen Prozesse veranlasst. Der häufigste genannte Grund dafür ist die Inflexibilität der Anlagen. Der damalige Leiter des Fraunhofer IAO Dieter Spath meint, die Zukunft liegt in flexiblen Reaktion auf Veränderungen am Markt, nicht in der Automatisierung. Darüber hinaus ist er der Meinung, dass der Mensch einen immer wichtiger werdenden Stellenwert in Unternehmen einnehmen wird. In einer weiteren Studie der Fraunhofer IAO konnte gezeigt werden, dass rund 97 % der Befragten die menschliche Arbeit auch in der Zukunft als wichtigen oder sehr wichtigen Faktor im Unternehmen sehen.

Die Mischung macht’s

Natürlich hat die Automatisierung seine Vorteile, dennoch kann der Mensch dadurch niemals ersetzt werden. Automatische Systeme können als Unterstützung dienen oder dem Menschen die Arbeit erleichtern. Bis zu einem gewissen Grad kann die Automatisierung auch "Freunderlwirtschaft" oder unfairen Entscheidungen, auf Grund von Sympathien, entgegenwirken. Ein Computersystem kann dabei unterstützen den besten Bewerber oder den Mitarbeiter, der eine Beförderung am meisten verdient hat, zu finden. Am Ende kann man dies aber nicht rein durch Zahlen festmachen und der menschliche Aspekt muss ebenso berücksichtigt werden. Um flexibel zu bleiben und sich stets an die Veränderungen am Markt anpassen zu können, ist es auch in der Produktion wichtig, eine Balance zwischen automatischen Prozessen, Maschinen und dem menschlichen Verstand zu finden.

 

Eine Maschine kann die Arbeit von fünfzig gewöhnlichen Menschen leisten, aber sie kann nicht einen einzigen außergewöhnlichen ersetzen.
von Elbert Hubbard

 

Literatur

  • Spath D., Ganschar O., Gerlach S., Hämmerle M., Krause T., Schlund S. (2013). Produktionsarbeit der Zukunft – Industrie 4.0. Fraunhofer IAO – Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation.
  • Lay G., Schirrmeister E. (o. A.). Sackgasse Hochautomatisierung? Praxis des Abbaus von Overengineering in der Produktion. Fraunhofer ISI – Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung.
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Kommentar von Zweck Veronika |

Hallo Herr Kerneder,
vielen Dank für diesen tollen Blog Beitrag. Gerade im letzten Punkt stimme ich Ihnen voll und ganz zu. Eine totale Automatisierung der Arbeitswelt wird nicht zielführend sein, da der Faktor Mensch im Hinblick auf Gefühle und Emotionen niemals ersetzt werden kann durch den Faktor Maschine.
Den Gedanken der aboluten Bestimmung des täglichen Tuns durch Maschinen finde ich auch etwas gruselig. Eine gute Mischung wird uns hier ein gutes Stück weiter bringen.
Ich freue mich schon auf Ihren nächsten Blog Beitrag.
Beste Grüße aus Fulda
Veronika Zweck

Antwort von Andreas Kerneder

Hallo Frau Zweck, hallo Herr Teschner,

ich bin tatsächlich sehr froh, mit dieser Meinung nicht alleine zu sein. Der Vortrag von SAP in Berlin war etwas befremdlich und am liebsten hätte ich diesen Schwall an Blödsinn einfach unterbrochen und hätte die Menschen auf ihr größtes Gut hingewiesen: Den Menschen in einem Unternehmen.

Deshalb vielen Dank für Ihre beiden Kommentare.

Herzliche Grüße, Andreas Kerneder

Kommentar von Andreas Teschner |

Ich kann mich dem Beitrag von Herrn Kerneder und auch dem Kommentar von Frau Zweck nur anschließen: "Der Mensch als Mittelpunkt. Und nicht: Der Mensch als Mittel. Punkt." Rekrutierungen, bei denen Personalauswahl durch eine "Maschine" und Vorstellungsgespräche durch Algorithmen ersetzt werden, empfinde ich für mich als Mensch und auch als leidenschaftlichem Personaler mit jahrzehntelanger Erfahrung als absolutes Horrorszenario.

Beste Grüße -
Andreas Teschner

Kommentar von Peter Leutwiler |

Sehr geehrter Herr Kerneder

Ich bin ganz bei Ihnen, herzlichen Dank für diesen Blog!

Auch mir läuft es bei Ihren Zeilen kalt den Rücken runter und es wundert mich nicht, wenn grosse IT Firmen auf diesem "Business Trip" sind, könnte ja ein neues Geschäftsmodell werden. Beruhigen tut mich allerdings, dass selbst Google Mitarbeitende gegen die totale Automatisierung kämpfen.

Ich bin überzeugt, dass eine verstärkte Automatisierung der richtig Weg ist, bin aber auch überzeugt, dass wir Menschen das richtige Mass finden werden. Der von SAP vorgestellte Ansatz kann es nicht sein. Das würde ich meinen Kindern nicht wünschen!

Herzlichen Dank und freundliche Grüsse
Peter Leutwiler
HRM Quant

Antwort von Andreas Kerneder

Guten Morgen Herr Leutwiler,

wirklich schön, auch von Ihrer Seite wieder etwas hören bzw. lesen zu dürfen. Gottseidank gibt es noch genug Menschen, die diese Sicht unterstützen. Ich gebe Ihnen vollkommen Recht, dass das Automatisieren von Prozessen in vielerlei Hinsicht sinnvoll ist, aber in manchen Bereichen des beruflichen Alltags braucht es einfach eine Portion Hausverstand und Bauchgefühl. Diese Dinge werden auch in Zukunft schwer zu programmieren sein.

Herzliche Grüße, Andreas Kerneder

Kommentar von Wolfgang Rottler |

Ich finde Ihren Artikel sehr umfassend und brandaktuell. Seit Jahrzehnten schon bahnt sich eine Entwicklung an, die immer mehr Menschen als unsozial, ja asozial erkennen. Dem technischen Fortschritt steht eine gefährliche Stagnation der eigenen Erkenntnis, was denn den Menschen eigentlich ausmacht, entgegen.
Ich bin seit einiger Zeit und Recherche mehr und mehr der Überzeugung, dass wir von kranken, geistes- und gemütskranken "Menschen" beherrscht werden und kann das auch ein Stück weit belegen. Stichworrt Narzissmus.

Was Ihnen hinsichtlich der mitfühlenden Färbung Ihres Artikels unterstellt werden wird, ist ganz klar, dass HR-Unternehmen überflüssig würden und auch Sie Ihren Job verlören. Als ich mich neulich mit einem nahen Verwandten über die Ungerechtigkeit des neuen Erbschaftsrechts unterhielt, unterstellte er mir, dass Jemand wie ich, der nichts besäße natürlich für eine teilweise Umverteilung von Privat- in öffentliches Vermögen wäre. Da fiel mir dann wirklich nichts mehr ein.

Tendenziell ist es doch so, dass Menschen sich immer mehr scheuen, echte Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen delegieren, diese damit scheinbar objektivieren und rationalisieren. Dass die Ratio aber nur einen Teil eines Menschen ausmacht wird dabei übersehen. Der unterdrückte, irrationale Anteil eines jeden Menschen findet keinen Ausdruck, ist nicht erwünscht und sehr stark mit Angst besetzt.

Im Übrigen ist das kapitalistische System in seiner Endphase selbst hoch irrational, da gierig. Denn, wenn immer weniger Personen über immer mehr Macht=Geld verfügen, bleibt für "den Rest" immer weniger zum Leben. Deren "Leben" wird dann auch rationalisiert, sprich verwaltet. Dem Fortschritt sei Dank heißt es dann nicht mehr Hartz IV, sondern bekommt einen anderen, besseren Klang, Grundsicherung vielleicht. Unsere Kanzlerin hat es ja schon längst gesagt: die Demokratie solle sich dem Markt anpassen, sich also der Gewinnmaximierung unterwerfen. Wie sagte schon
Lessing in seinem bürgerlichen Drama Emilia Galotti: "Verführung ist die wahre Gewalt" und dumme, verzeifelte Menschen lassen sich viel effektiver beherrschen/regieren, siehe AfD. Beim nächsten Mal erzähle ich einen guten Witz zum Ausgleich, versprochen ;-)

Wolfgang Rottler