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Weniger Arbeitszeit, mehr Produktivität: Die 4-Tage-Woche

Lesezeit: 5 Min.

Die Idee der Vier-Tage-Woche ist keine neue, immerhin ist es seit jeher ein fundamentales Ziel der Arbeiterbewegung, Kürzungen von Arbeitsstunden zu erreichen. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts auch mit beträchtlichem Erfolg, dann scheint die Bewegung zu stagnieren. In der heutigen Welt des Wandels scheint diese Entwicklung kontraintuitiv, denn sich ständig verändernde Arbeitsmärkte und -umfelder stellen immer unterschiedlichere Anforderungen an die Beschäftigten. Vor allem die Generationen Y, also die Millennials, und Z legen viel Wert auf Work-Life-Balance, welche sich durch die Vier-Tage-Woche ideal umsetzen ließe. Warum das Modell der Vier-Tage-Woche jedoch nicht nur für die jüngeren Generationen, sondern für den Großteil der Bevölkerung einen wesentlichen Schritt in die richtige Richtung darstellt, lesen Sie in diesem Artikel.

Zeit ist Geld

Die meisten von uns sind sich wahrscheinlich darüber bewusst, dass wir manchmal die eine oder andere Kaffeepause zu viel machen oder mal lieber in sozialen Netzwerken scrollen, statt sich an eine schier endlos lange Liste an Emails zu setzen. Was natürlich auch menschlich und grundsätzlich nichts Verwerfliches ist, immerhin braucht man auch die eine oder andere Kaffee- oder Rauchpause, um auf dem aktuellen Stand des Bürogeschehens bleiben zu können. Eine Studie von Vouchercloud wollte jedoch genauer wissen, wieviel Zeit in der Arbeit tatsächlich mit Dingen zugebracht wird, die nichts mit der Arbeit zu tun haben. Die Antwort: die durchschnittliche produktive Arbeitszeit liegt bei knapp drei Stunden pro 8-Stunden-Arbeitstag. Als produktive Arbeitszeit wird dabei Zeit verstanden, in der abrechenbare Leistungen geliefert werden. Welche Aktivitäten sind solche Produktivitätskiller und was führt zu diesem hohen Ausmaß an unproduktiver Zeit?

Laut der Umfrage werden die restlichen fünf Stunden größtenteils damit verbracht, durch soziale Medien und Nachrichten zu browsen, Privates mit Arbeitskollegen zu besprechen, Snacks und Getränke zu konsumieren oder mit Partnern und Freunden zu telefonieren.

Laut Business Time Solutions ist das Ausmaß an unproduktiver Arbeitszeit nicht ganz so hoch. Hier wird die abrechenbare Arbeitszeit auf sechs bis sieben Stunden pro Acht-Stunden-Tag geschätzt. Dies sind zwar weniger drastische Zahlen als in der vorherigen Studie, summieren sich jedoch trotzdem auf fünf bis zehn vom Unternehmen bezahlte, letztlich sinnlose Arbeitsstunden pro Woche und Mitarbeiter auf.

Eine Studie der Wiener Produktivitätsberatung Czipin Consulting schiebt diese extensiven Phasen der Unproduktivität jedoch nicht alleine auf die Mitarbeitenden und kommt zu dem Schluss, dass über 55 Prozent der vergeudeten Zeit durch schlechte Planung und Steuerung verloren geht, also unter anderem durch ungenutzte Leerzeiten in der Produktion. Weitere 20 Prozent werden eingebüßt durch unklare Zielvorgaben und eine suboptimale Einbindung der Führungskräfte in die Arbeitsprozesse.

Dass nun niemand acht Stunden am Tag durchgehend konzentriert arbeiten kann, ist allerdings auch einleuchtend. Die Konzentrationsspanne von Menschen ist individuell unterschiedlich lang und, um gute Leistungen erbringen zu können, bedarf es auch Pausen und Phasen der Entspannung. Dass jedoch mehr als die Hälfte der bezahlten Zeit mit arbeitsunabhängigen Dingen zugebracht wird, ergibt weder für das Unternehmen, noch für die Mitarbeitenden viel Sinn. Ob nun vom Arbeitnehmer, Arbeitgeber oder von beiden Seiten ausgehend wertvolle Zeit verschwendet wird, die Schlussfolgerung bleibt die gleiche. Die 40-Stunden-Woche scheint ein veraltetes, für die Mitarbeitenden ermüdendes und für die Unternehmen teures und ineffizientes Unterfangen zu sein.

Von der 6-Tage-Woche zur 4-Tage-Woche

Ein Ziel der Arbeiterbewegung war schon immer eine Verkürzung der Arbeitswoche. Bis 1957 wurden in der DDR noch an sechs Tagen der Woche bis zu 48 Stunden gearbeitet. Erst ab 1967 wurde endgültig die Fünf-Tage-Woche eingeführt und in den folgenden zehn Jahren wurde die Arbeitszeit gesetzlich auf 40 Wochenstunden beschränkt und in manchen Branchen weiter auf 38,5 beziehungsweise 35 Stunden pro Woche reduziert. Die Vorteile dieser Reduzierungen sind für die Arbeitnehmer/innen enorm. Weniger Zeit in der Arbeit bedeutet mehr Erholung, mehr Zeit für Alltagserledigungen und mehr Zeit für Familie, Freunde und Hobbies.

Eine Studie der Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen zeigte, dass physische und psychische gesundheitliche Beschwerden umso schwerwiegender waren, je mehr Stunden in der Woche mit Arbeiten verbracht wurden. Mehr gesundheitliche Probleme führen zu mehr krankheitsbedingten Fehltagen und damit zu höheren Kosten für das Unternehmen. Warum also die Arbeitszeit nicht weiter reduzieren, wenn dadurch die Gesundheit der Mitarbeitenden verbessert wird und die Unternehmen sich Kosten durch weniger Krankheitstage sparen?

Andrew Barnes – Vorreiter der 4-Tage-Woche

Genau dieser Gedankengang hat Andrew Barnes, den erfolgreichen neuseeländischen Geschäftsführer einer Fonds-Gesellschaft, dazu veranlasst, in seinem Unternehmen eine Vier-Tage-Woche einzuführen. Wichtig anzumerken ist, dass dabei nicht die Arbeitszeit des fünften Tages an die anderen vier angehängt wurde, sondern ein Tag komplett gestrichen wurde, bei gleichbleibenden Urlaubstagen und Lohn. Folgte auf diesen Vorschlag erst die eine oder andere gerunzelte Stirn, sprachen die Ergebnisse, die in Zusammenarbeit mit der University of Auckland untersucht wurden, bald für sich: Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen wurden um 20 Prozent produktiver, die Gewinne des Unternehmens stiegen, die Stresswerte der Angestellten sanken signifikant und Mitarbeiterzufriedenheit stieg an. Barnes sieht die Vier-Tage-Woche als vollen Erfolg an, sowohl für das Unternehmen, als auch für die Beschäftigten.

Microsoft Japan erzielte in einer Testphase der Vier-Tage-Woche ähnliche Ergebnisse: Obwohl in der Testung jeder Freitag freigegeben wurde und so die Arbeitszeit 20 Prozent weniger betrug, stieg die Produktivität um beachtliche 40 Prozent an.

Das Unternehmen Basecamp testete dieses Modell ebenfalls, und CEO Jason Fried meinte, das Unternehmen hätte in den vier Tagen der Woche bessere und produktivere Arbeit geleistet als zuvor in den fünf Tagen. Grund dafür sei die Ermöglichung einer besseren Fokussierung auf wichtige Dinge in der begrenzteren Arbeitszeit. Denn scheint die Zeit in der Arbeit plötzlich nicht mehr endlos lang, bleibt auch nicht mehr viel Zeit für Irrelevantes, wenn man das zu Erledigende auch schaffen will. Und mit dem Gewinn eines ganzen Tages für Freizeit und andere Erledigungen wie beispielsweise Arztbesuche, müssen diese Dinge auch nicht mehr auf Zeit und Kosten der Organisation gemacht werden.

Fazit

Die Vorteile dieses Modells sprechen für sich, dennoch ist es in Unternehmen noch kaum zu finden. Laut einer globalen Befragung von The Workforce Institute von 2018 würden fast 35 Prozent eine Vier-Tage-Woche bevorzugen. Auch Kampagnen wie der Green New Deal für Europa und die Green Party in Großbritannien setzen sich für eine Umsetzung der verkürzten Arbeitswoche ein. Warum wird dieser Ansatz dann in der Praxis noch so selten gesehen?

Die Gründe dafür sind vielfältig: Unsicherheit aufgrund des Fehlens verlässlicher empirischer Belege, Angst vor finanziellen Verlusten oder schlicht Trägheit und fehlender Mut zur Veränderung. Abhilfe könnte hier weitere Forschung schaffen, denn so könnten die Argumente für die Kürzung der Arbeitszeit besser belegt werden und damit mehr Unternehmen diesen zeitgemäßen Ansatz übernehmen.

 

 

Zeitmanagement ist Unsinn. Sie können die Zeit nicht managen – nur ihr Verhalten.

Von Michael Kastner

 

Literatur:

Vouchercloud, Office Worker Productivity (https://www.vouchercloud.com/resources/office-worker-productivity)

Business Time Solutions GmbH, FAQ – Bedeutung der Werte Wochen- und produktive Arbeitszeit (https://www.businesstimesolutions.de/faqs/welche-bedeutung-haben-die-werte-wochen-und-produktive-arbeitszeit-abrechenbare-arbeitszeit/)

Die Presse, Nur 37 Minuten pro Arbeitsstunde ist man produktiv (https://www.diepresse.com/1349512/nur-37-minuten-pro-arbeitsstunde-ist-man-produktiv)

Czipin Consulting, Produktivitätsstudie 2013

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Portrait Selina Kern

Autor

Selina Kern

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