Digitalisierung auf Krücken - zweikern Blog

Technische Hürden: Digitalisierung auf Krücken

Lesezeit: 4 Min.

Knapp 90 Prozent der deutschen Führungskräfte aus verschiedenen Branchen sind der Meinung, dass Deutschland hinsichtlich der Digitalisierung hinterherhinkt (Statista, 2020). Diesen subjektiven Eindruck verstärken auch reale Fakten: 2018 stand Deutschland auf Platz 14 (nach Platz 6 im Vorjahr) im Vergleich von 28 EU-Staaten. Wie die momentane Krise deutlich macht, wären einige der Voraussetzungen für eine flächen- und bereichsübergreifende Digitalisierung bereits gegeben. Wie kann es dann sein, dass in der viertgrößten Volkswirtschaft Europas die Digitalisierung in vielen Bereichen noch auf Krücken geht?

Agilität durch Vernetzung

Was bedeutet eigentlich Digitalisierung? Grundsätzlich werden dabei analoge Informationen in digitale umgewandelt, um sie verteilen, erweitern und verarbeiten zu können. In Unternehmen können diese Technologien dann verwendet werden, um interne Prozesse zu optimieren und so die Geschäfts- und Wandlungsfähigkeit zu steigern.

Das bringt viele Vorteile mit sich, allen voran schnellere und reibungslosere Arbeitsabläufe. Angefangen bei der Auftragserfassung, bis hin zur Produktion und Logistik kann einiges an Zeit und Kosten eingespart werden, je digitalisierter ein Unternehmen ist. Auch auf Veränderungen kann schneller reagiert werden. Internes Wissen wird unkompliziert unter den Mitarbeitenden weitergegeben und externe Vernetzung erfolgt einfacher denn je. Ein weiterer Vorteil, der in letzter Zeit besonders deutlich wurde, ist die Erweiterung von Arbeitszeitmodellen. In vielen Branchen können Mitarbeitende auch von zuhause aus und zu jeder Tages- und Nachtzeit auf das Unternehmensnetzwerk zugreifen und sind so weniger abhängig von örtlichen und zeitlichen Gegebenheiten.

Nicht völlig außer Acht zu lassen sind jedoch einige der Nachteile, die die Digitalisierung mit sich bringt. Viele Arbeitsplätze werden künftig durch Maschinen ersetzt. Dieser Prozess schreitet schon länger stetig voran und wird in nächster Zeit nicht aufhören. Das bedeutet nicht unbedingt den kompletten Verlust von Arbeitsplätzen, wohl aber eine mühsame Umstrukturierung des Arbeitsmarkts. Zudem wird der Mensch immer „gläserner“ und private Informationen global immer zugänglicher. Was, wo und warum über uns auf Smartphones, Laptops und Co. gespeichert und weitergegeben wird, bleibt dabei weitgehend undurchsichtig.

Vorreiter der Digitalisierung?

Deutschland zählte bisher zu einem der fortschrittlichsten Länder was Lebensqualität, Export und Industrie betrifft. Eine Befragung von InterNations reihte 68 Länder bezüglich ihrer Eignung für digitales Leben sprich Internetzugang, Online-Zugriff auf behördliche Dienste usw. auf. Das Ergebnis: Deutschland befindet sich auf Platz 53 und zählt damit zu den Ländern, die digital am schlechtesten aufgestellten sind. Wird nicht bald ein Zahn zugelegt, kann diese Schwäche den wirtschaftlichen Vorreiterplatz Deutschlands ernsthaft gefährden. Nicht umsonst haben Vorreiter der Digitalisierung wie die USA, China und Japan auch hinsichtlich der generellen wirtschaftlichen Stärke eine Vorrangstellung. Deutschland liegt momentan auf Platz 4, was sich jedoch schnell ändern kann, werden digitale Schwachstellen nicht angegangen. Dasselbe gilt für Unternehmen: Nur wer laufend digital aufstockt, bleibt konkurrenzfähig.

Ein Unternehmen digital auf Vordermann zu bringen, schafft immense Vorteile, kostet jedoch auch einiges an Zeit und Geld. Viele, vor allem kleinere Unternehmen können sich diesen Umstieg oft nicht leisten und haben nicht die Mittel, Beratung in Anspruch zu nehmen. Eine am Jahresanfang veröffentlichte Studie von Bitkom Research bestätigt diese Annahme und zeigt einen Zusammenhang zwischen der Unternehmensgröße und des wahrgenommenen Digitalisierungsgrades. Unter den Unternehmen mit weniger als 100 Mitarbeitenden geben nur ein Drittel der Befragten an, digital sehr fortschrittlich zu sein. Bei Organisationen mit mehr als 2000 Mitarbeitenden steigt dieser Wert auf über 70 Prozent an.

Internet gut, alles gut

Einer der größten Problembereiche Deutschlands ist derzeit die technische und digitale Infrastruktur. Jeder, der regelmäßig mit deutschen Behörden zu tun hat, kennt das Problem: E-Mail-Adressen zur Kontaktaufnahme sind Mangelware, genauso wie Onlineformulare oder andere digitale Kommunikationsmöglichkeiten. Was übrig bleibt, ist Fax – eine veraltete Übertragungsmethode aus dem 19. Jahrhundert. Rund 22 Prozent der Deutschen sehen im Bereich Verwaltung noch deutlichen digitalen Handlungsbedarf (Cisco, 2018).

Auch die Versorgung mit schnellem Internet lässt sehr zu wünschen übrig: Vor allem in ländlichen Gebieten sind Verbindungen über 30 Mbit/s nur für die Hälfte der Anwohner erreichbar. Zum Vergleich: Glasfaserverbindungen sorgen für Übertragungsraten von über 1000 Mbit/s und sind in Japan für mehr als 75 Prozent der Bevölkerung zugänglich. In Deutschland hingegen sind es nur knapp über zwei Prozent, was uns auch in Europa weit hinter Ländern wie Finnland oder Spanien platziert.

Selbst wenn Deutschland also technologische Innovationen zum Abwinken entwickeln und alle Unternehmen Digitalisierung in den Vordergrund stellen würden, macht die technische Bandbreite der Umsetzung einen Strich durch die Rechnung. Denn Programme, die schneller und effizienter denn je arbeiten, bedürfen trotzdem einigermaßen schnellem und stabilem Internet, um die Anwendung erst zu ermöglichen.

Stiefkind Bildung

Den größten Handlungsbedarf sehen Deutsche im Bildungssektor (Cisco, 2018). Das wird vor allem in der Coronakrise deutlich: In vielen, vor allem ländlichen Schulen bestand die Unterstützung der Lehrenden darin, Seiten von Lehrbüchern einzuscannen und es den Schülern selbst zu überlassen, damit zu arbeiten. An manchen Universitäten sah die Lage nicht bedeutend besser aus. Dadurch macht sich die bisher vernachlässigte Digitalisierung besonders bemerkbar. Digitale Kompetenzen sind dabei nicht nur Aufgabe des Staates, sondern werden auch durch den Digitalisierungsgrad in anderen Organisationen beeinflusst.

Der Grund für dieses Manko Deutschlands liegt zum Teil darin, dass bisher wenige Vorhaben zur Digitalisierung des Bildungssektors umgesetzt wurden. Auch fällt hier der mangelhafte Internetanschluss ins Gewicht, ebenso wie unzureichende Aus- und Weiterbildungen für Lehrkräfte. Der Digitalpakt von 2019 mit einem Umfang von 5 Milliarden Euro zur Schaffung der Grundlagen für digitale Bildung stellt einen Anfang dar. Auch die Benutzung von digitalen Lernhilfen im Unterricht steigt. Damit sich Deutschland als Spitzenreiter der Digitalisierung platzieren kann, besteht jedoch noch einiges an Aufholbedarf.

Fazit zu Technischen Hürden

Teile der Bevölkerung Deutschlands fühlen sich beim Gedanken an Digitalisierung noch überfordert oder genervt (Cisco, 2018). Die zwangsweise Umstellung auf digitale Kommunikation während der Corona-Krise dürfte sowohl die Notwendigkeit, als auch die Dürftigkeit der Digitalisierung aufgezeigt haben. Will Deutschland ernsthafte Schritte in Richtung digitalem Wandel machen, müssen noch einige technische Hürden wie Internetzugang, Digitalisierung im Bildungssektor und gesellschaftliche Akzeptanz verbessert werden.

 

Wir leben in einem System, indem man entweder Rad sein muss oder unter die Räder gerät.

Von Friedrich Nietzsche, deutscher Philologe

 

Literatur:

Statista Research Department 2020 – Umfrage zum Stand der Digitalisierung in Deutschland 2019

Bitkom Research 2020 – Digitalisierung der Wirtschaft

InterNations 2019 – Digital Life Abroad: An Expat Topical Resport

Cisco Studienbericht 2018 – So digital ist Deutschland wirklich

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Portrait Selina Kern

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Selina Kern
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Kommentar von Dimitros Nital |

Erstaunlich, dass bei diesem Innovationstreiber "Digitalisierung" seit Jahrzehnten die gleichen Probleme zu bestehen scheinen! Das muss doch zu lösen sein...

Antwort von Selina Kern

Hallo Dimitros,

Da gebe ich dir völlig Recht. Bis sich die Digitalisierung bei uns großflächig und fehlerfrei durchgesetzt hat, wird es wohl leider noch etwas dauern.

Liebe Grüße,
Selina