Soziale Medien und psychische Gesundheit - zweikern Blog

Gemeinsam einsam: Soziale Medien und psychische Gesundheit

Lesezeit: 5 Min.

Soziale Medien sind allgegenwertig und im Alltag schwer wegzudenken. Dass mit Facebook, Instagram und Co nicht nur Nutzen, sondern auch die eine oder andere Schwierigkeit einhergeht, dürfte den meisten jedoch auch bewusst sein. Ob man davon nun eine gute oder schlechte Meinung hat, jeder muss sich im gewissen Maß mit Sozialen Medien auseinandersetzen. Der Effekt, den sie dabei auf den Einzelnen haben, hängt hauptsächlich von der Art und Häufigkeit der Nutzung ab. Wie die psychologischen Prozesse aussehen, die Soziale Medien für uns so unwiderstehlich machen und warum dadurch schädliche Denk- und Verhaltensmuster entstehen können, lesen Sie in diesem Artikel.

Exkurs: Medienpsychologie

Medienpsychologie versucht, den Einfluss der Medien auf das Verhalten von Menschen zu erforschen und zu erklären. Sie beschäftigt sich sowohl mit den Voraussetzungen, die für die Mediennutzung vorhanden sein müssen, als auch mit den Auswirkungen von Medienkonsum auf Individuen und Gruppen. Medienpsychologie ist also eine sehr anwendungsorientierte Wissenschaft, die auch wichtige Voraussetzungen für die Entstehung und Weiterentwicklung von Massenmedien und deren Inhalte schafft. Nachdem der Einfluss von Medien auf die Menschen erst in den letzten Jahrzehnten größer und damit auch kontroverser wurde, ist auch die Wissenschaft dahinter noch eine ziemlich neue. Dass durch den Konsum von Fernsehen, Radio und vor allem auch Sozialen Netzwerken und Apps die psychische Gesundheit von Menschen beeinflusst wird, ist inzwischen empirisch gut belegt (vgl. McCrae, Gettings, & Purssell, 2017). Wie genau die Wirkmechanismen und Folgen dabei aussehen, möchte ich heute erläutern.

Achtung: Suchtpotenzial!

Menschen, die sich als vom Internet abhängig sehen, berichten oft von körperlichen Entzugssymptomen, wenn sie gezwungen sind, länger ohne das Internet auszukommen (Reed et al., 2017). Zusätzlich kann man mit steigendem Internetkonsum eine verminderte Kontrollfähigkeit und eine damit einhergehende Vernachlässigung von anderen Interessen und Hobbys beobachten. Alleine durch die diese drei Kriterien erfüllt man laut dem Diagnosemanual ICD-10 der WHO die Voraussetzungen eines Abhängigkeitssyndroms. Dies betrifft meistens hauptsächlich Spieler von Videospielen, die nach und nach alles andere zugunsten des Zockens vernachlässigen. Ob der Konsum Sozialer Medien auch zu solchen extremen Abhängigkeiten führen kann, ist umstritten, einige Studien deuten jedoch darauf hin (vgl. Kuss & Griffiths, 2011). Soziale Medien führen auf jeden Fall zu einem, wenn auch kurzweiligen, Boost an Glückshormonen. Das kann sich natürlich positiv auf die Stimmung auswirken, werden jedoch andere „reale“ Tätigkeiten und Interaktionen durch das Internet ersetzt, leidet langfristig die psychische Gesundheit darunter.

Anti-Social Media?

Facebook, Twitter, Snapchat, Instagram, Whatsapp etc. können uns helfen, mit Menschen Kontakt aufzunehmen und aufrecht zu erhalten, mit denen wir ohne Internet nicht in Verbindung treten könnten. Dies ist gleichzeitig ein Segen und ein Fluch. Laut einer Studie von Primack und Kollegen (2017) steigt die subjektiv empfundene soziale Isolierung mit der Benutzung von Sozialen Medien (insbesondere Facebook) an. Werden diese also zum Ersatz für echte Sozialkontakte, anstatt als Ergänzung dazu benutzt, sind die Auswirkungen auf die mentale Gesundheit negativ.

Ein Grund dafür könnte der Kontakt mit unzähligen anderen Menschen überall auf der Welt sein, der schnell zu Vergleichsgedanken und dadurch zu Neid und einem niedrigen Selbstwert führen kann. Soziale Plattformen werden oft zur Selbstdarstellung genutzt, und vergleicht man seine eigenen weniger glorreichen Alltagsmomente mit den Lebenshighlights anderer, entstehen schnell Gefühle der Minderwertigkeit. Um diese zu bekämpfen, werden von sich selbst nur perfekte Fotos gepostet, welche wiederum bei Abonnenten Neid auslösen, und der Teufelskreis beginnt von vorne. Wie durch Studien, z. B. die von McCrae und Kollegen deutlich wird, sind besonders Menschen, die unter psychischen Störungen leiden oder dafür eine Verwundbarkeit zeigen, anfällig für diese Effekte. Ein Buch, in dem diese Meinung ebenfalls vertreten wird, ist „Antisocial Media“ von Vaidhyanathan, das Facebook und Co als Gefahr für die Menschen und die Demokratie sieht.

Too much Information!

Zwei Quellen von Informationsüberflutung sind zu beachten.

Was besonders momentan relevant für die psychische Gesundheit ist, ist der mit dem ständigen Kontakt zum Internet einhergehende Informationsstrom. Sei es von Nachrichtenoutlets selbst oder indirekt durch Posts von Menschen und Websites, denen man folgt - die Menge an Informationen, mit denen man tagtäglich konfrontiert wird, ist schier endlos. Dies macht sich durch die aktuelle Coronakrise stark bemerkbar, über die stündlich auf fast allen Kanälen berichtet und diskutiert wird. Macht man sich nicht die Mühe, jede Quelle selbst genau zu recherchieren, verliert man schnell den Überblick darüber, was nun faktenbasierte Daten aus vertrauenswürdigen Quellen sind und was nicht. Momentan herrscht generell eine angespannte Stimmung, und prasselt dann ununterbrochen eine Negativschlagzeile nach der anderen ein, scheinen Gefahren noch viel bedrohlicher, als sie vielleicht tatsächlich sind. Dabei nicht in Angst und Panik zu verfallen, fällt vielen Menschen nicht leicht.

Eine zweite häufige Quelle von Stress durch Informationsüberflutung ist in einer Zeit von New Work und der „Digital Natives“ besonders auch die Arbeit. Viele haben das Gefühl, 24 Stunden am Tag erreichbar sein zu müssen, um etwa Zeitdruck entgegenwirken zu können. Der Unterschied zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmt dabei immer mehr, was in Kombination mit Stress und geringem Handlungsspielraum schnell zu Erschöpfung führen kann. Unternehmen, in denen Probleme bezüglich Zeitmanagement und Work-Life-Balance bestehen, könnten z. B. durch das Heranziehen außenstehender Berater die Unternehmenskultur optimieren.

Fazit für soziale Medien und psychische Gesundheit

Trotz des zunehmend schlechten Rufs darf man die Sozialen Medien nicht komplett verteufeln. Sie können helfen, mit verloren geglaubten Verwandten wieder in Kontakt zu treten, ermöglichen uns das Kommunizieren mit Menschen am anderen Ende des Planeten und erleichtern uns den Alltag beträchtlich. Sie haben auch die Arbeitswelt revolutioniert und geben Menschen wie Greta Thunberg eine Stimme, die damit viel Gutes tun können. Wichtig ist, um sich nicht im endlosen World Wide Web selbst zu verlieren, den Medienkonsum bewusst zu gestalten, zum Beispiel kann in Facebook der Kontakt zu bestimmten Gruppen eingeschränkt werden. Auszeiten von Sozialen Netzwerken haben positive Auswirkungen auf die Stimmung und das Wohlbefinden (Tromholt, 2016) und fördern einen achtsamen Medienkonsum. In kleinen und bewussten Dosen kann das Internet mit seinen Apps und Features für uns alle ein essenzielles Tool und eine Inspirationsquelle darstellen. Dabei muss darauf geachtet werden, dass der Zeitumfang und die Art des Konsums nicht aus dem Ruder laufen, denn bekanntlich macht ja die Menge das Gift.

 

Für Schwarz-Weiß-Denker hört die Welt dort auf, wo sie bunt zu werden beginnt.

Von Ernst Ferstl, österreichischer Schriftsteller

 

 

Literatur:

McCrae, N., Gettings, S., & Purssell, E. (2017). Social media and depressive symptoms in childhood and adolescence: A systematic review. Adolescent Research Review, 2(4), 315-330.

Kuss, D. J., & Griffiths, M. D. (2011). Online social networking and addiction—a review of the psychological literature. International journal of environmental research and public health, 8(9), 3528-3552.

Reed, P., Romano, M., Re, F., Roaro, A., Osborne, L. A., Viganò, C., & Truzoli, R. (2017). Differential physiological changes following internet exposure in higher and lower problematic internet users. PloS one, 12(5).

Primack, B. A., Shensa, A., Sidani, J. E., Whaite, E. O., yi Lin, L., Rosen, D., ... & Miller, E. (2017). Social media use and perceived social isolation among young adults in the US. American journal of preventive medicine, 53(1), 1-8.

Vaidhyanathan, S. (2018). Antisocial media: How Facebook disconnects us and undermines democracy. Oxford University Press.

Tromholt, M. (2016). The Facebook experiment: Quitting Facebook leads to higher levels of well-being. Cyberpsychology, behavior, and social networking, 19(11), 661-666.

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Selina Kern
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