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Kein Privatleben mehr: Fusion von Arbeit und Freizeit

Lesezeit: 5 Min.

Flexibilität im Tausch gegen das eigene Privatleben! Das ist doch ein sehr hoher Preis für flexible Arbeitszeiten, oder etwa nicht? Wie weit soll die Verschmelzung von Arbeit und Freizeit noch gehen? Gibt es überhaupt eine Grenze oder wird das Privatleben bald der Geschichte angehören?

Work-Life-Blending statt Work-Life-Balance

Wurde in den letzten Jahren ein Hype um das Thema Work-Life-Balance gemacht, ist es nun der Begriff Work-Life-Blending, der die Personaler beschäftigt. Dieser Begriff beschreibt die Fusion, das zunehmende Verschmelzen von Arbeit und Freizeit.

Arbeit in der Freizeit - und Freizeit in der Arbeit, so lautet die Devise. Macht das wirklich Sinn?

Für mich stellt das ganze Thema einen riesen großen Zwiespalt dar. Auf der einen Seite möchte man das Privatleben der Mitarbeiter schützen und dazu Arbeit und Freizeit klar trennen. Denn viele schaffen es nicht mehr, zu Hause von den Problemen in der Arbeit abzuschalten und sich Zeit für Familie und Freunde zu nehmen. In Frankreich wurde dazu sogar ein Gesetzt eingeführt, das besagt, dass Mitarbeiter keine Anrufe oder E-Mails am Feierabend oder am Wochenende annehmen oder beantworten müssen. Die Work-Life-Balance und das Recht auf das Abschalten nach der Arbeit soll so respektiert werden.

Auf der anderen Seite wünschen sich Arbeitnehmer flexiblere Arbeitszeiten und würden es sogar vorziehen, einmal an einem verregneten Samstag ins Büro zu fahren oder von zu Hause aus mal am Abend zu arbeiten. Bei Google, einem der beliebtesten Arbeitgeber aller Zeiten, verschmelzt Arbeit und Freizeit komplett. Mit einem unglaublichen Angebot an Freizeitaktivitäten, wie Billard oder Tischfußball, Fitness, Playstation, Sports-Bar und vieles mehr, will die Firma eine angenehme Atmosphäre generieren, in der Mitarbeiter gerne einmal länger bleiben. Der Lebensmittelpunkt wird immer stärker auf die Arbeit ausgerichtet und das Privatleben an sich scheint auszusterben.

Privatleben vom Aussterben bedroht!?

Für manche Menschen mag es eine schöne, reizende Vorstellung sein, dass Arbeit und Privatleben nahtlos ineinander übergeht. Ein Lifestyle, der Mitarbeitern erlaubt, immer und überall zu arbeiten. Mehr Flexibilität, mehr Eigenverantwortung, mehr Selbstmanagement und in der Theorie eine bessere Vereinbarkeit von Job und Freizeit.

Klar, es ist auch eine nette Vorstellung, an einem schönen Sommertag im Park bei einem erfrischenden Getränk zu sitzen und währenddessen E-Mails zu checken, oder die nächste Präsentation zu Hause auf dem Balkon vorzubereiten. Oder einfach mal auszuschlafen und dafür bis am Abend im Büro zu sitzen. Diese Sache hat unter genauerer Betrachtung leider einen Hacken. Insgesamt haben Mitarbeiter, die nach dem Work-Life-Blending Konzept leben und arbeiten, weniger wirkliches Privatleben. Denn in der Realität nimmt man zwar die Arbeit in die Freizeit mit, doch die Freizeit in der Arbeit bleibt aus.

Nicht alle möchten Privatleben geben Flexibilität tauschen

Diesen Traum, von der Verschmelzung zwischen Arbeit und Privatleben, kann wohl nicht jeder Mitarbeiter nachvollziehen. Viele Mitarbeiter in Deutschland zeigen sich dahingehend eher skeptisch, wie eine aktuelle Studie von Rundstedt „Talents & Trends“ zeigt. So sehen zum Beispiel 73 % der Befragten die Gefahr, dass viele Mitarbeiter durch die zunehmende Verschmelzung weniger gut von der Arbeit abschalten können.

69 % haben Angst, dass die Arbeit immer mehr in den Lebensmittelpunkt rutscht und 64 % befürchten, nicht mehr genug Zeit für das Privatleben aufbringen zu können.

Ich denke das Hauptproblem liegt darin, dass man es nicht schafft, mehr Freizeit in die Arbeit zu integrieren. Mal ehrlich: Wie produktiv kann ein Arbeitsvormittag im Park schon sein, mit all den Ablenkungen, der angenehmen Sonne auf der Haut und dem leckeren Latte Macchiato, den man sich gegönnt hat? Es wird zu einer halben Sache, man ist zwar irgendwie mit der Arbeit beschäftigt, einfach die Zeit genießen geht allerdings auch nicht. So braucht man mit vielen Tätigkeiten länger als im Büro, aber so wirklich erholen konnte man sich ebenfalls nicht.

Und wie machen das große Firmen wie Facebook, Google und Co.? Sie bieten Freizeitmöglichkeiten an, die man während der Arbeitszeit nutzen kann. Doch wer nutzt diese Möglichkeit wirklich? Zum Schluss geht es doch wieder nur um die Leistung, die am Ende des Tages erbracht wurde. Befördert wird sicher nicht derjenige Mitarbeiter, der die Freizeitaktivitäten am besten genutzt hat. So entsteht das Gefühl, dass man alles machen kann, einem alles offen steht, doch im Grunde soll so viel Leistung wie möglich aus den Menschen herausgeholt werden.

Die positive Seite von Work-Life-Blending

Neben den Skeptikern in der Studie von Rundstedt gab es auch 41 %, die der Fusion von Arbeit und Freizeit durchaus positiv gegenüberstehen, sofern sie dafür auch mehr Flexibilität in der Arbeitszeitgestaltung erhalten. 28 % der Befragten sind der Meinung, dass, wenn der Job Spaß macht, man darin seine eigene Erfüllung sieht und man Arbeit und Freizeit automatisch nicht mehr so strikt trennt. Bleibt diese Verschmelzung in einem gewissen Rahmen, kann durchaus eine profitable Win-Win Situation für Arbeitgeber und -nehmer entstehen. So kann man zum Beispiel in der Früh noch schnell die Kinder in die Schule bringen und dafür nach Feierabend noch ein paar Mails beantworten; oder einfach mal die Mittagspause verlängern um mit einer Freundin oder Freund gemütlich essen zu gehen. Eines ist dabei extrem wichtig und zu beachten: Das Geben und Nehmen! Will man Work-Life-Blending wirklich in seinen Lebensstil integrieren, darf man eben nicht nur die Arbeit in die Freizeit mitnehmen, sondern auch umgekehrt!

Es gibt definitiv Grenzen!

Wie so oft gibt es hier kein richtig oder falsch. Mit der richtigen Dosierung kann die Verschmelzung von Arbeit und Privatleben sicherlich Vorteile mit sich bringen. Allerdings muss man extrem aufpassen, nicht nur vom Arbeitgeber ausgebeutet zu werden. Die ständige Erreichbarkeit und der Zustand nie wirklich seine freie Zeit genießen zu können, kann enorme gesundheitliche Folgen tragen. Fangen Sie an, Ihre Arbeitszeit über ein paar Wochen hinweg mitzuschreiben. So erhalten Sie einen Überblick, wie viele Stunden pro Woche Sie tatsächlich mit der Arbeit beschäftig sind und ob Sie dies so weiterführen möchten. Ertappen Sie sich immer wieder dabei, wie Sie bis spät in die Nacht hineinarbeiten und noch schnell eine Präsentation für den nächsten Tag vorbereiten? Wie Sie am Samstag beim Familienessen vom Tisch aufspringen, weil Ihr Handy läutet? Dann würde ich persönlich überdenken, wieviel des eigenen Privatlebens Sie für ein wenig Flexibilität opfern möchten. Natürlich hat jeder Mensch das Recht selbst zu entscheiden wo diese Grenze liegt, inwieweit die Arbeit in den Lebensmittelpunkt rutschen darf oder soll. Gerade deshalb, weil es zu diesem Thema grundverschiedene Meinungen, Ansichten und Wertevorstellungen gibt, es ist enorm spannend darüber zu diskutieren.

Ich würde mich sehr freuen, mehr über Ihre Meinung zum Thema Verschmelzung von Arbeit und Privatleben zu erfahren! Schreiben Sie Ihren Kommentar unten in die Kommentar-Box und teilen Sie Ihre Erfahrungen mit uns!

 

Die meiste Freizeit hat, wer eine Arbeit hat, die Spaß macht

von Paul Mommertz

 

Literatur

Talents & Trends (2015) Work Life Blending: Die Mehrheit der Deutschen bewertet die Verschmelzung von Arbeit und Freizeit noch kritisch. Von Rundstedt in Zusammenarbeit mit INNOFACT AG.

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Portrait Carina Andorfer

Autor

Carina Andorfer
Psychologin

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Kommentar von Petra Wonkitz |

In Zeiten von Corona verschmilzt Privat- und Arbeitsleben immer mehr. Ich merke das gerade bei mir selbst und es fällt mir schwer, mich von meiner Arbeit abzugrenzen, da man im Homeoffice andauernd mit seinen Aufgaben konfrontiert wird. Teilweise habe ich das Gefühl ich arbeite sogar noch mehr, als noch zu Bürozeiten. Ich bin gespannt, wie sich das nach Corona einpendelt. Vielleicht dauert es auch einfach nur seine Zeit, bis man mit Homeoffice besser umgehen kann. Aktuelle tue ich mir noch schwer.