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Entscheidungen: Der goldene Weg zur Akzeptanz

Lesezeit: 4 Min.

Sollen Entscheidungen in Gruppen getroffen werden, entstehen dabei häufig Konflikte. Meistens wird dabei jene Lösung gewählt, die die meiste Befürwortung erhält. Es breitet sich trotz der demokratischen Entscheidungsfindung jedoch oft Unzufriedenheit aus und im Endeffekt scheint die gemeinsam gefundene Lösung keinen so richtig zu überzeugen. Wie lässt sich die Akzeptanz dann erhöhen, wenn Mehrheitswahl nicht wirkt? Eine Alternative dazu ist das Systemische Konsensieren, das den empfundenen Widerstand berücksichtigt. Was es damit auf sich hat und warum diese Art der Entscheidungsfindung der goldene Weg zur Akzeptanz ist, lesen Sie in diesem Artikel.

Der Weg des geringsten Widerstands

Sollen mehrere Personen eine Entscheidung treffen, wird immer ein Konsens, also eine Übereinstimmung, angestrebt. Bei klassischen Abstimmungen und Mehrheitswahlen entsteht dabei unweigerlich immer eine Gewinner-Verlierer-Dynamik, die die allgemeine Akzeptanz der Entscheidung durch die Mitarbeitenden deutlich verringert. Schließlich soll es bei Lösungsfindungen nicht darum gehen, zu gewinnen und besser als andere zu sein, sondern um konstruktive und effektive Lösungsmöglichkeiten, die niemanden bevormunden oder benachteiligen.

Systemisches Konsensieren (kurz SK) will dabei genau das erreichen: Eine größtmögliche Annäherung an den Konsens finden. Das heißt also eine Lösung zu finden, gegen welche niemand etwas einzuwenden hat. Erreicht werden soll dies über das Finden einer Lösung, die auf möglichst wenig Widerstand in der Gruppe trifft. Statt also zu fragen, was dafür spricht, wird gefragt, was dagegen spricht.

Erich Visotschnig, Systemanalytiker und Mitbegründer von SK, beschrieb dieses Prinzip als „… die in ein Verfahren gegossene Achtung vor den Mitmenschen.“ Zusammen mit Siegfried Schrotte entwickelte er diesen Ansatz bereits in den 1980er-Jahren. Die beiden waren unzufrieden mit den Konflikten und den unbefriedigenden Lösungen, die Mehrheitsabstimmungen verursachten, und entwickelten deshalb einen Prozess, der möglichst nahe an eine Übereinstimmung heranreicht. SK kann zudem für beliebig große Gruppen angepasst werden und ist leicht umsetzbar.

Die 4 Schritte zur Akzeptanz

Wichtig bei diesem Prozess der Entscheidungsfindung ist die Unterstützung durch einen Moderator. Vor Beginn sollte unbedingt dafür gesorgt werden, dass alle Beteiligten das Konzept verstehen und damit einverstanden sind. Ein Testlauf mit einer anderen Fragestellung hilft dabei, Missverständnisse zu klären. Außerdem sollten vor Beginn des SK-Prozesses einige Punkte geklärt werden, wie die Anonymität des Verfahrens gewahrt wird oder welche Medien und Tools verwendet werden.

Schritt 1: Fragestellung finden

Im ersten Schritt stehen die Problembeschreibung und die Formulierung einer Entscheidungsfrage im Mittelpunkt, die dabei mehr als zwei Lösungen beinhaltet. Zuerst sollte das Problem vorgestellt und ein moderierter Informationsaustausch stattfinden. Alle Informationen, die für die Entscheidungsfindung wichtig sind, werden gesammelt und für alle Beteiligten zugänglich gemacht. Denn nur wenn jeder über den gleichen Wissensstand verfügt, kann fair geurteilt werden.

Schritt 2: Lösungen sammeln

Sind sich alle im Klaren darüber, wie die Problemlage aussieht, wird gebrainstormt. Beim SK-Prinzip liegt der Fokus auf Kreativität und vielfältigen Ideen. Jedes Teammitglied darf seine Idee vorbringen, und es werden alle Vorschläge gleichberechtigt präsentiert. In dieser Phase werden die Vorschläge zwar erklärt, zunächst aber nicht weiter diskutiert. Dies geschieht erst in der nächsten Phase.

Schritt 3: Lösungen bewerten

Hier kommt die Grundlage des SK-Prinzip zur Geltung: das Maß des Widerstands. Während bei anderen Methoden für jeden Lösungsvorschlag die Anzahl der Zustimmungen gezählt werden, konzentriert sich das Systemische Konsensieren auf den empfundenen Widerstand. Das heißt, pro Lösungsansatz vergibt jedes Gruppenmitglied Widerstandspunkte. Diese liegen zwischen null (kein Widerstand; Habe kein Problem mit der Lösung) und zehn (starker Widerstand) und werden auf einer Matrix aufgetragen.

Schritt 4: Widerstand auswerten

Im letzten Schritt werden die vergebenen Punkte für jede Lösung addiert und damit der Widerstand ermittelt. Die Lösungsvorschläge werden dann nach Widerstandspunkten gereiht. Jene mit den wenigsten Punkten löst insgesamt den geringsten Widerstand im Team aus und ist somit nahe am Konsens.

Konsens oder Dissens?

Am Ende des SK-Prozesses wurde zwar eine Lösung gefunden - dass alle Mitarbeitenden mit dieser zufrieden sind, ist damit jedoch nicht garantiert. Denn das Verfahren hat auch einen offensichtlichen Nachteil: Die Aufmerksamkeit wird viel mehr auf die negativen Aspekte der Lösungen gerichtet als auf die positiven. Anstatt also Gemeinsamkeiten und Vorteile zu sehen, ist sich jeder Mitarbeitende sehr darüber bewusst, was einen an der gefundenen Lösung nicht passt und was für sich persönlich dagegensprechen würde.

Das Zehn-Punkte-System könnte aber dazu beitragen, dass ein vermeintliches Schwarz-Weiß-Denken zerstreut wird. Um einen Vorschlag auf einer Skala von eins bis zehn einordnen zu können, bedarf es doch einer differenzierten Betrachtung. Wählen manche Mitarbeitende die höchste Punktezahl für eine Lösung aus und die Mehrheit der anderen Mitarbeitenden eine geringe Zahl, könnte dies aber wiederum Probleme verursachen und für Dissens sorgen. Denn wird schlussendlich diese Lösung gewählt, gibt es trotzdem Beteiligte, die damit gar nicht einverstanden sind. Ob diese dann bei der Umsetzung dennoch mit vollem Einsatz mitziehen, ist fraglich.

Im Vergleich zur klassischen Mehrheitswahl bleibt SK jedoch die Alternative mit geringerem Zeitaufwand und vor allem auch Konfliktpotenzial. Besonders bei kontroversen Entscheidungen oder jenen, die Menschen auf einer persönlichen Ebene betreffen, sorgt die gefundene Lösung für mehr Zufriedenheit.

Fazit zur Akzeptanz von Entscheidungen

Eine Entscheidung zu treffen, mit der jeder einverstanden ist, wird wohl so gut wie unmöglich bleiben. Dennoch gibt es Wege, die Akzeptanz von Entscheidungen in Gruppen zu verbessern. Systemisches Konsensieren ist eine Methode, die dies erreichen soll. Durch die Berücksichtigung des empfundenen Widerstands gegenüber Lösungsvorschlägen werden Probleme differenzierter betrachtet und Lösungen eher als fair und richtig empfunden.

 

 

Demokratie ist, wenn zwei Wölfe und ein Schaf über die nächste Mahlzeit abstimmen.

Von Benjamin Franklin, Gründervater der USA

 

 

Literatur:

Paulus, G., Schrotta, S., & Visotschnig, E. (2013). Systemisches KONSENSIEREN: Der Schlüssel zum gemeinsamen Erfolg. Holzkirchen: Danke.

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Portrait Selina Kern

Autor

Selina Kern
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Kommentar von Bernhard Diener |

Sehr interessantes Konzept! Gefühlt fehlt am Ende der 5 Stufen noch ein Feinschliff zu der von Ihnen genannten "Problemfokussierung". Danke für den Input!

Antwort von Selina Kern

Lieber Bernhard,

Danke für dein Feedback! Dieses Problem lässt sich in der Praxis wohl nicht so einfach auflösen und wurde deshalb hier nur angeschnitten. Sollte ich eine Lösung dafür finden, wirst du darüber bestimmt in einem zukünftigen zweikern Artikel lesen!

Viele Grüße,
Selina