Floskeln sind keine Leitsätze: Kultur kann auch geheuchelt werden!
Oberflächliche Floskeln, die schön platziert und dekorativ auf einem Plakat im Unternehmen hängen, sind noch lange keine Leitsätze des Unternehmens, die dessen Kultur widerspiegeln. Floskeln heucheln Unternehmenskultur!

Für mich als Psychologe aber noch vielmehr als Gründer von zweikern ist es ungemein wichtig, mit Menschen in den unverbindlichen Austausch zu gehen. So sitze ich in stressigen Wochen bis zu 4x im Flugzeug und spreche mit den verschiedensten Personen in den unterschiedlichsten Unternehmen im ganzen DACH Raum. Doch so sehr sich diese Unternehmen inhaltlich auch unterscheiden, eines haben sie oftmals gemeinsam. Kommt man auf das Thema Unternehmenskultur zu sprechen und stellt gezielte Fragen, bleibt von der hitzigen Diskussion meist nur ein Grillenzirpen übrig. Teilweise stehen die Werte und Leitsätze des Unternehmens auf einem wunderschön designten Plakat im selben Konferenzraum, in dem ich sitze. Vollkommen verständlich, sieht ja schick aus und schmückt die Wand. Die Frage, die ich dann gerne Stelle ist folgende:
„Haben Sie das Gefühl, dass diese Werte, die auf diesem Plakat stehen, von den Mitarbeitern verstanden, gelebt oder überhaupt wahrgenommen werden?“
Auch hier übertönt meist das Zirpen das emotionale Gespräch. Aber das macht ja nichts. Immerhin durfte ich bis zum Konferenzraum an gefühlt 257 „Best Place to Work“ Trophäen vorbei spazieren, die ja beweisen, dass ich mich gerade in einem kulturgetränkten Unternehmen befinde. Gottseidank werden diese jedes Jahr vergeben.
Die Frage die übrig bleibt: Warum geben Unternehmen so unglaublich viel Geld für oberflächliche Kulturfloskeln aus, die eigentlich nicht mehr sind, als eine angepasste Werbebotschaft für den potentiellen Kunden?
Floskeln heucheln Kultur!
Eine meiner Theorien ist, und dabei lasse ich mich gerne eines Besseren belehren, dass viele Unternehmen Leitsätze generieren (von implementieren bzw. umsetzen möchte ich nicht sprechen), um den heutigen Anforderungen gerecht zu werden. Bei einer Veranstaltung der Zeit Online letztes Jahr zum Thema „Junge Visionäre in Deutschland“ zu der ich eingeladen wurde, stand eine 22-jährige junge Frau auf der Bühne und propagierte lautstark „Aufgeben ist hipp, wenn man hinfällt, sollte man hin und wieder einfach mal liegen bleiben!“. Neben dem globalen Grundeinkommen und der 5 Stunden Arbeitswoche eine der absurden kulturgetriebenen Aussagen dieser Generation. Auch wenn ein wirtschaftlich denkendes Unternehmen diese Aussage niemals unterschreiben würde, schafft man mit geheuchelten Leitsätzen zumindest das nötige Fundament, Mitarbeiter für das eigene Unternehmen zu begeistern. Auf Dauer kann das nicht gut gehen aber man freut sich zumindest im Folgejahr, die Fluktuation kurzfristig von utopischen 50 % auf 40 % gesenkt zu haben und fühlt sich bestätigt.
„Jeder hat Leitsätze und Werte definiert, wir brauchen das auch!“
Ich denke, dass ist einer der häufigsten Gründe, warum Unternehmen Leitsätze definieren. Hat ein Unternehmen etwas umgesetzt, das funktioniert und daraus Kapital geschlagen, dauert es nicht lange und die anderen springen mit auf. Schließlich reicht ja ein Anruf beim Coach oder Trainer um die Ecke, der Ihnen Leitsätze formuliert und auf eine Doppelseitige Scheckkarte druckt. So entstehen dann so unglaublich wertschätzende Sätze wie: „Die Mitarbeiter sind unser größtes Gut! – Ehrlich? In den meisten Fällen, sind Personalinvestitionen die erste Position, die gekappt wird, wenn Wind aufkommt, der das Schiff ins Wanken bringt. Aber der Satz hört sich zumindest gut an und auf das angesprochene Poster passt er auch ganz gut. Fehlt nur noch das restliche, gängige Werte - Normen und „dafür stehen wir“ Getue.
Die gefühlt häufigsten Floskeln aller Zeiten:
- Wir gehen respektvoll miteinander um
- Unser Handeln ist geprägt von Wertschätzung
- Gegenseitiges Vertrauen
- Ziele werden gemeinsam erreicht
- Unsere Arbeit ist unsere Leidenschaft
- Qualität steht im Mittelpunkt
- Wir handeln innovativ
- Unsere Mitarbeiter sind die tragende Kraft im Unternehmen
- Wir sind authentisch
Wofür braucht es Leitsätze?
Bevor mir jemand gleich an die Gurgel möchte, weil ich alles gerade etwas ins Negative ziehe: Leitsätze sind unglaublich wichtig. Sie sind ein aussagekräftiges Aushängeschild eines Unternehmens und ermöglichen es, Menschen innerhalb weniger Sekunden ein Gefühl für interne Begebenheiten zu vermitteln. Sie lassen Mitarbeiter erkennen, wofür sie Tag für Tag arbeiten. Den wenigsten Mitarbeitern geht es heute ausschließlich nur ums Geld. Es geht um ein gewisses Maß an Idealismus, der es mir als Mitarbeiter erlaubt, mich mit allem was ich habe, für das Unternehmen einzusetzen. Nur so kann überhaupt von Qualität die Rede sein. Wenn man nicht versteht, wofür man etwas macht, wird nie das notwendige Maß an Commitment vorhanden sein, um Qualität zu liefern. Genau deshalb ist es wichtig, dass Leitsätze bzw. Leitbilder nicht nur formuliert und auf eine wunderschöne Werbefläche gedruckt werden, sondern vielmehr tatsächlich gelebt werden. Wenn sich ein Unternehmen dafür entscheidet, Leitsätze zu generieren (im besten Fall passiert das bei der Gründung), muss es auch alles daransetzen, diese nachhaltig zu implementieren und vorzuleben. Ansonsten wäre es nichts Anderes als eine Werbebotschaft für den Kunden, aber auch für zukünftige Arbeitnehmer und dies führt im schlimmsten Fall bei den Mitarbeitern zu einer demoralisierenden Arbeitssituation.
Ein paar offene Fragen zur Diskussion
Ein paar Fragen bleiben übrig und ich hoffe, mit Ihnen darüber diskutieren zu können: Warum geben Unternehmen Unmengen an Geld für alltägliche und leere Floskeln aus, drucken diese auf Karten oder Leinwände und teilen diese in der Mitarbeiterebene aus, mit dem Gedanken etwas Positives geschaffen zu haben, ohne einmal darüber nachzudenken, wie die entwickelten Punkte im Betrieb implementiert werden können?
Warum kommen Personal- bzw. Kulturinvestitionen immer noch viel zu kurz und das, obwohl immer wieder propagiert wird, wie unglaublich wichtig der Faktor Mensch doch ist? Und warum werden immer noch zwei Tage Trainings durchgeführt mit der Intention Nachhaltigkeit zu erzeugen? Das widerspricht sich meines Erachtens nach von Anfang an.
Um dieses Thema abzuschließen: Ich bin fest davon überzeugt, dass es in naher Zukunft nicht mehr möglich sein wird, so nachlässig mit dem hier diskutierten Thema umzugehen. Unternehmen müssen in Zukunft Rahmenbedingungen schaffen, die über monetäre Mittel und Alltagsfloskeln hinausgehen. Ansonsten muss ich mir tatsächlich die Frage stellen, wie qualitativ hochwertig ein Produkt oder eine Dienstleistung überhaupt sein kann. Mein Vater hat immer gesagt: „Qualität muss man sich leisten können!“ – Dieser Meinung bin ich nicht. In der heutigen Zeit trifft folgende Aussage vielmehr zu: „Qualität muss man sich leisten wollen!“
Käme es auf den Bart an, könnte die Ziege predigen.
Sprichtwort aus Dänemark
